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Donnerstag, 11. Oktober 2007

Das Leben – ein Kompromiss

Michael Bernstein
Der Museumsmanager Michael Bernstein, 41, hat Wien durch seinen Onkel Leonard entdeckt.


Mei­ne Frau ist Wie­ne­rin. Sie hat mich vor sechs Jah­ren in die Stadt gebracht. Ken­nen­ge­lernt habe ich Wien aber schon als 15-jäh­ri­ger. Damals war ich mit mei­nem Onkel Len­ny hier. Im Musik­ver­ein diri­gier­te er sei­ne 3. Sin­fo­nie, und in der Oper wur­de sei­ne Mes­se zur Auf­füh­rung gebracht. Wir wohn­ten im Hotel Sacher. Die Aben­de in sei­ner Suite waren meist lang und unter­halt­sam. Es wur­de geges­sen, getrun­ken, sehr ernst­haft dis­ku­tiert und viel Quatsch gemacht. Spä­ter bot Len­ny mir die­ses Pro­gramm noch ein­mal. Ich absol­vier­te als Stu­dent die typi­sche Euro­pa-Tour und war zu einem Abste­cher nach Wien und Salz­burg gela­den, wo er Mahler, Sibe­l­i­us und Mozart diri­gier­te. Dies­mal wohn­ten wir im Hotel Bris­tol. Er hat­te die gro­ße Gabe, die Men­schen auf sein Niveau zu heben. Nie habe ich erlebt, dass er jeman­den von oben her­ab behan­delt hät­te. Es war fas­zi­nie­rend. Noch heu­te schät­ze ich es als Pri­vi­leg, die­sem beein­dru­cken­den Men­schen unter so idea­len Bedin­gun­gen nahe gekom­men zu sein.
Depri­mie­rend, dass so ein Ide­al­bild eine abso­lu­te Aus­nah­me ist. Im Regel­fall ver­langt der All­tag den Men­schen zahl­lo­se Kom­pro­mis­se ab. Wir sind nicht alle so geni­al, dass wir unse­ren Idea­lis­mus ohne Abstri­che über die Run­den brin­gen. Die­se Erkennt­nis belas­te­te auch mei­nen Vater: Er war als Autor so begabt, dass er bei dem fei­nen Lite­ra­tur­ma­ga­zin The New Yor­ker Kar­rie­re mach­te. Als das Maga­zin aber an den Ver­lag Con­dé Nast ver­kauft wur­de, mach­te ihn das depres­siv. Vom künst­le­risch-jour­na­lis­ti­schen Ide­al, das die Redak­ti­on ange­strebt hat­te, blieb in sei­nen Augen nur ein Scher­ben­hau­fen. Ver­bit­tert stell­te er das Schrei­ben ein und zog sich wie ein Arbei­ter in die Pen­si­on zurück, ohne sein Werk­zeug je wie­der anzugreifen.
Mich haben all­täg­li­che Not­wen­dig­kei­ten immer zum Kom­pro­miss gezwun­gen. Ich habe Kunst­ge­schich­te stu­diert, hat­te beruf­lich aber nur in Ver­wal­tungs­po­si­tio­nen mit Kunst zu tun. Als Ver­wal­tungs­di­rek­tor der Phil­lips Coll­ec­tion, eines belieb­ten Muse­ums Moder­ner Kunst in Washing­ton D.C., muss­te ich täg­lich zwi­schen den idea­lis­ti­schen Ansprü­chen der Kura­to­ren und den öko­no­mi­schen Rea­li­tä­ten eines unter­fi­nan­zier­ten Kunst­be­triebs ver­mit­teln. Spä­ter hat­te ich als Ver­wal­ter der New York Foun­da­ti­on for the Arts das Miß­ver­gnü­gen, dass wir sehr viel für ein­zel­ne Künst­ler arbei­te­ten, dabei aber meist ohne Dank blieben.
Den Beruf mit mei­ner Über­sied­lung nach Wien hin­ter mir zu las­sen, war ein wei­te­rer Kom­pro­miss – wohl jener mit dem bis­lang bes­ten Zwi­schen­er­geb­nis. Ich arbei­te für eine bekann­te Schmuck­ma­nu­fak­tur. Das ist per­sön­lich nicht so erfül­lend wie die Arbeit für eine Non­pro­fit­or­ga­ni­sa­ti­on. Aber dafür kann ich abends unbe­las­tet zu Frau und Toch­ter zurück­keh­ren. Wir genie­ßen eine Lebens­qua­li­tät, die wir uns in New York nicht leis­ten könn­ten. Das mag eine Spur weni­ger auf­re­gend sein als mit Onkel Len­ny Sacher­tor­te zu essen, aber ein paar Jah­re wer­de ich es hier schon aushalten.

auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 42/2007
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