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Donnerstag, 20. August 2009

Auf den Barrikaden

Carlos Toledo
Der 44jährige Grafikdesigner Carlos Toledo verschmilzt in seinen Projekten Kunst mit Politik.


Es geht auf eine Ent­schei­dung mei­nes Vaters zurück, dass ich mit 18 Jah­ren nach Öster­reich kam. Als Lin­ker und Anti­ame­ri­ka­ner woll­te er den Ein­fluss des Kapi­ta­lis­mus auf sei­nen Sohn beschrän­ken und schick­te mich in die öster­rei­chi­sche Schu­le. Dort leg­te ich dann auch die Matu­ra ab.
Seit mehr als zehn Jah­ren betrei­be ich in Wien mit mei­ner Freun­din Eva Dertsch­ei ein Stu­dio für Gra­fik­de­sign. Wir gestal­ten Aus­stel­lun­gen und machen Kunst. Dabei geht es uns immer um ein poli­ti­sches State­ment. Für das Jubi­lä­um des 40-jäh­ri­gen Bestehens des Neu­en Ber­li­ner Kunst­ver­eins haben wir unter dem Titel Kunst und Öffent­lich­keit die Stra­ße in den Aus­stel­lungs­raum geholt. Wir haben vier Meter lan­ge Roh­re zu Kunst­bar­ri­ka­den auf­ge­türmt. Die Bil­der hän­gen nicht an der Wand, son­dern sind Teil die­ser Barrikaden.
Ein ande­res Pro­jekt konn­ten wir vor dem Neu­bau des Kla­gen­fur­ter Bezirks­ge­richt rea­li­sie­ren. Wir lie­ßen über­di­men­sio­nier­te Blei­satz­buch­sta­ben aus Beton gie­ßen, über­zo­gen die­se mit Alu­mi­ni­um und form­ten dar­aus spie­gel­ver­kehrt das Wort GERICHT­SPRA­CHE. Auf der Ober­sei­te des Buch­sta­ben S durch­bricht ein v‑förmiger Hat­schek die glat­te Ober­flä­che. So ist auch eine slo­we­ni­sche Les­art mög­lich. Die­ses Werk steht jetzt für die nächs­ten 30 Jah­re weit­hin sicht­bar in der Landschaft.
Bei die­ser Arbeit wur­de mir klar, dass zwi­schen Kärn­ten und Gua­te­ma­la Par­al­le­len bestehen: die poli­ti­sche Rech­te ist omni­prä­sent, Aus­gren­zung von Min­der­heit gehört zum All­tag. In Kärn­ten sind davon vor allem die Slo­we­nen, in Gua­te­ma­la ist die indi­ge­ne Bevöl­ke­rung betrof­fen. Sowohl bei den Slo­we­nen wie auch bei den Indi­ge­nen pro­du­ziert die­ser Zustand sehr wider­stän­di­ge Strö­mun­gen, die viel kos­mo­po­li­ti­scher sind als die Ver­tre­ter der herr­schen­den Macht. Mich über­rascht daher nicht, dass ich in der slo­we­ni­schen Min­der­heit in Kärn­ten gute Freun­de gefun­den habe.
Drei­ßig Jah­re Krieg in Gua­te­ma­la haben eine Mil­li­on Ver­trie­be­ne hin­ter­las­sen, 150.000 Men­schen sind ins Aus­land geflüch­tet. Vie­le Gua­te­mal­te­ken haben enge­re Bezie­hun­gen zu Los Ange­les oder New York City als zu den Groß­städ­ten Latein­ame­ri­kas. In mei­nem Selbst­ver­ständ­nis sehe ich mich daher nicht als Latein­ame­ri­ka­ner, son­dern als Mittelamerikaner.
Den­noch muss ich der spa­ni­sche Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit zugu­te­hal­ten, dass sie die künst­le­ri­sche Avant­gar­de maß­geb­lich för­dert. Dadurch ergibt sich auch für uns die Mög­lich­keit, in Gua­te­ma­la zu arbei­ten. Zuletzt rea­li­sier­ten wir eine Instal­la­ti­on zum The­ma Streik, die auch eine Remi­nis­zenz an mei­nen Groß­va­ter ist. Er schrieb als Gewerk­schaf­ter eine Ana­ly­se über die Rol­le der Schrift­set­zer in der Revo­lu­ti­on von 1944. Das waren ja lan­ge die best­ge­bil­de­ten Arbei­ter. Und zwar in allen Kul­tu­ren, wie die Bei­spie­le von Ben­ja­min Frank­lin oder Franz Jonas zeigen.

auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 31/2009
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