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Mittwoch, 04. Januar 2023

Der Welt ins Gesicht schauen

Zuletzt geändert am 6. Juni 2023

Wir sind aus­weg­los mit­ein­an­der ver­strickt, hyper­mo­bil, hyper­ver­netzt. Min­des­tens in die­sem Sinn sind wir Welt­bür­ger. Man mag das gut fin­den oder – sie­he oben – eher nicht. Weg­re­den lässt sich die­ser Umstand aber nicht mehr.

Wir wis­sen so viel von unse­rer Welt wie nie zuvor. Wir sehen, was pas­siert. Im Jemen. In Latein­ame­ri­ka. An der Gren­ze zu den USA. Im Mit­tel­meer. Am Bal­kan. Am Ärmel­ka­nal. Akut sind wir so ver­un­si­chert, wie seit 70 Jah­ren nicht. Coro­na. Die Sär­ge von Ber­ga­mo. Der Kühl­las­ter mit den Toten vor der Kli­nik in Queens. Mas­ken und Clus­ter allüberall.

Nach allen Regeln der Ver­nunft blie­be uns eigent­lich gar nichts ande­res übrig, als anstän­dig mit­ein­an­der umzu­ge­hen. Für Ver­tei­lungs­ge­rech­tig­keit zu sor­gen. Ande­re eben­so anstän­dig zu behan­deln, wie wir selbst behan­delt wer­den wollen. 

Blie­be. Kon­junk­tiv. Aber Tag für Tag wer­den wir dar­an erin­nert, dass Ver­nunft nicht viel zählt. Schon gar nicht in so wir­ren Zei­ten. Men­schen dar­ben in Armut. Ver­hun­gern. Wer­den gefol­tert, gequält, umge­bracht. Wer­den ihrer Chan­cen, ihrer Rech­te, ihrer Frei­heit beraubt. Wer­den weg­ge­sperrt, ernied­rigt, aus­ge­beu­tet, versklavt. 

Der Mensch ist des Men­schen Wolf, sagen die Ober­schlau­en. Oder: das ist so, wir kön­nen nicht die gan­ze Welt ret­ten. Oder: schau Dir die Wahl­er­geb­nis­se an, dann weißt Du, wie die Welt funk­tio­niert. Oder eben: es kön­nen ja nicht alle zu uns kommen!

Ich glau­be das nicht. Ich weiß, dass nicht alle zu uns kom­men wol­len. Ich weiß, dass der Mensch nicht grund­sätz­lich böse ist. Ich glau­be nicht, dass man nichts machen kann. Ich glau­be ganz im Gegen­teil, dass man etwas tun muss. Und ich weiß, dass ich damit nicht allei­ne bin. Ohne die vie­len Frei­wil­li­gen, die sich in allen Berei­chen unse­rer Gesell­schaft enga­gie­ren, wäre das Land längst in die Knie gegan­gen. Vie­le Men­schen tun etwas für die­se Gesell­schaft, weil sie wis­sen, dass man etwas tun muss. Weil sie gelernt haben, dass man etwas tun kann. „Die Ver­su­chung ist groß, die mensch­li­che Geschich­te als eine Anhäu­fung von Defek­ten und Elend zu sehen“, stärkt uns der Sozio­lo­ge und Arzt Nicho­las Christakis den Rücken: „Der Bogen unse­rer Evo­lu­ti­ons­ge­schich­te ist lang. Aber er neigt sich zum Guten.“[i]

Dem­entspre­chend schrei­be und erzäh­le ich hier mit ange­mes­sen ver­hal­te­ner Zuver­sicht. Trotz per­ma­nent pro­du­zier­ter Bewei­se des Gegen­teils blei­be ich über­zeugt, dass Auf­klä­rung mög­lich ist. Des­halb will ich erzäh­len, dass wir wie Welt­bür­ger han­deln müs­sen, weil wir – nicht nur wahl­wei­se, nicht nur frei­wil­lig, son­dern unter den Bedin­gun­gen der Glo­ba­li­sie­rung zwangs­läu­fig – Welt­bür­ger sind. Ich bin über­zeugt, dass wir ver­ste­hen kön­nen, dass ein gutes Leben für alle – etwa so: jeder (!) Mensch hat das Recht auf ein gutes Leben, auf die Unver­sehrt­heit der Per­son und auf sozia­le Sicher­heit – gut für alle ist. Es geht hier nicht um jenes harm­los Gute, das uns die Rat­ge­ber-Lite­ra­tur nahe­brin­gen will: mehr Schlaf, weni­ger Stress, mehr lesen, weni­ger Bild­schirm­zeit. Es geht ans Ein­ge­mach­te: wir wer­den kein gutes Leben haben, wenn wir uns nicht dafür sor­gen, dass die ande­ren, die mar­gi­na­li­sier­ten, die ent­rech­te­ten Leben auch zu ihrem Recht kom­men. „Alle Leben sind gefähr­det, aber eini­ge sehr viel stär­ker als ande­re“, gibt uns der Arzt und Soziol­ge Didier Fas­sin mit auf den Weg.[ii]

Ich glau­be, dass „hin­sicht­lich des Kom­pas­ses unse­rer Anlie­gen und unse­res Mit­ge­fühls die Mensch­heit als gan­ze kein zu wei­ter Horizont“[iii] ist. Das unte­re Maß, das wir dies­be­züg­lich anle­gen müs­sen, hat die als Kind aus Litau­en geflüch­te­te US-ame­ri­ka­ni­sche Phi­lo­so­phin Judith Shklar so gesetzt: Grau­sam­keit ist das Schlimms­te was wir ein­an­der antun kön­nen, das Schlimms­te was uns wider­fah­ren kann. „Es gibt nichts, was Grau­sam­keit und Ernied­ri­gung wett­ma­chen könnte.“[iv]

Allein des­halb dür­fen wir Frem­de also nicht wie Fein­de behan­deln. Ganz im Gegen­teil: wir müs­sen Teil­ha­be für alle ermög­li­chen. Wir müs­sen Wahl‑, Bür­ger- und Staats­bür­ger­schafts­rech­te eben­so neu fas­sen wie die Rechts­grund­la­gen für Migra­ti­on, Zuwan­de­rung und Asyl. Doch bis wir all das geschafft haben, wird Zeit ver­ge­hen. Viel Zeit ver­mut­lich. Und des­halb braucht es jetzt ein Hier­blei­be­recht: wir müs­sen allen Men­schen, die seit drei Jah­ren bei und mit uns leben, eine Per­spek­ti­ve geben. Wir dür­fen sie nicht län­ger im Lim­bo hän­gen las­sen. Im Übri­gen bin ich davon über­zeugt, dass wir die grund­le­gen­de Idee und die viel­fäl­ti­gen Kon­zep­tio­nen der Gast­freund­schaft dis­ku­tie­ren, in der Pra­xis aus­bau­en, pro­pa­gie­ren müs­sen – mit der Per­spek­ti­ve, sie womög­lich von der Aura der Groß­zü­gig­keit, des Gna­den­ak­tes zu befrei­en und sie als ein jedem zuste­hen­des Recht auf Gast­freund­schaft zu institutionalisieren.

Gera­de jetzt, in den Zei­ten der Pan­de­mie, wird allent­hal­ben über den Wert der Leben im Ein­zel­nen und des Lebens im All­ge­mei­nen phi­lo­so­phiert und geur­teilt. Und ein­mal mehr zeigt sich da, was ohne­hin immer zu ver­mu­ten ist – die Kluft zwi­schen Anspruch und Rea­li­tät ist unfass­bar groß. Hier die Theo­rie, der­zu­fol­ge der Wert des ein­zel­nen (Über-)Lebens heu­te mit einem welt­wei­ten Shut­down und der dar­aus resul­tie­ren­den Welt­wirt­schafts­kri­se auf­ge­wo­gen wird. Und dort die Pra­xis der Grau­sam­keit, mit der die Leben etwa in Moria und all den ande­ren Flücht­lings­la­gern geop­fert wer­den. Müss­ten nicht eigent­lich, fragt der Sozio­lo­ge Ste­phan Les­se­nich in einem Text über die „Coro­ni­fi­zie­rung des Politischen“,„die Men­schen in den Flücht­lings­la­gern an der euro­päi­schen Peri­phe­rie ganz vor­ne ran­gie­ren auf der sozi­al­po­li­ti­schen Prio­ri­tä­ten­ska­la?“ Sein Schluss: „Ver­wund­bar ist, wer zu uns gehört.“[v]

Ganz offen­kun­dig sind eben doch nicht alle Men­schen­le­ben gleich viel wert. Wäh­rend sich in Deutsch­land vie­le Dut­zend und auch in Öster­reich zahl­rei­che Gemein­den und Lokal­po­li­ti­ke­rin­nen bereit erklärt haben, Men­schen und ins­be­son­de­re unbe­glei­te­te Kin­der aus die­sen Lagern auf­zu­neh­men und zu ver­sor­gen, tor­pe­die­ren staats­tra­gen­de Par­tei­en und deren Staats­män­ner all die­se Bemü­hun­gen. Und zwar auf Basis eis­kal­ter Kalkulation.

„Jeder Spalt und erst recht jeder Wider­spruch zwi­schen der Wert­schät­zung des Lebens im All­ge­mei­nen und der Her­ab­wür­di­gung man­cher Leben im Beson­de­ren ist für eine mora­li­sche Öko­no­mie des Lebens in den Gesell­schaf­ten der Gegen­wart von Bedeu­tung“, ermahnt uns Fassin[vi] über „die Fra­ge der unglei­chen Leben nach­zu­den­ken“. Zwar mache das Auf­de­cken der Wider­sprü­che, von denen die mora­li­sche Öko­no­mie des Lebens durch­drun­gen ist, unse­re Gesell­schaft noch nicht gerech­ter; aber immer­hin gebe sie den­je­ni­gen Waf­fen an die Hand, die dafür kämp­fen wol­len, sie gerech­ter zu machen.

So möge die­ses Buch zum Nach­den­ken anre­gen, Hin­wei­se zum Wei­ter­le­sen anbie­ten und das eine oder ande­re Argu­ment lie­fern, das sich im Kampf für eine gerech­te­re Welt bewäh­ren könn­te. Weil es ein­fa­che Lösun­gen für die gro­ßen Pro­ble­me der Welt nicht gibt, wer­den sol­che hier nicht ange­bo­ten – mit die­ser einen Ausnahme:

Wir wis­sen, dass jeder zehn­te Mensch auf die­ser Erde in extre­mer Armut lebt, also der Welt­bank-Defi­ni­ti­on ent­spre­chend weni­ger als $ 1,90 pro Tag zur Ver­fü­gung hat. Berück­sich­ti­gen wir dazu noch Fak­to­ren wie Gesund­heit, Bil­dung, Ernäh­rung ver­dop­pelt sich die­se Zahl, es gel­ten also 20% der Men­schen als extrem arm. Für jeweils 10 Cent, um die wir die­se Armuts­gren­ze nach oben heben, kom­men 100 Mil­li­on arme Men­schen dazu. Zie­hen wir die Armuts­gren­ze also will­kür­lich bei $ 2,90, lebt rund ein Drit­tel der Mensch­heit in äußers­ter Armut. 

Die auto­ma­ti­sche BU

Armuts­for­scher haben nun aktu­ell unter den Bedin­gun­gen der Pan­de­mie aus­ge­rech­net, was zusätz­li­che 500 Mil­li­ar­den Dol­lar Hilfs­gel­der bedeu­ten wür­den: sie könn­ten die aller­ärms­ten 10% über die unters­te Armuts­schwel­le heben, zusätz­lich 1,5 Mil­li­ar­den Men­schen von Hun­ger und Man­gel­er­näh­rung erlö­sen, einer Mil­li­ar­de Men­schen sau­be­res Trink­was­ser geben, allen Kin­dern eine Grund­schul­bil­dung garan­tie­ren. Und und und. 

Also, ers­tes Zwi­schen­er­geb­nis: es gäbe Lösun­gen. Poli­ti­schen Wil­len zur Ver­än­de­rung und eine Stan­ge Geld vor­aus­ge­setzt. Indem wir dafür sor­gen, dass die ärms­ten Län­der der Welt siche­rer, also öko­no­misch und poli­tisch lebens­fä­hig wer­den, schaf­fen wir das Phä­no­men der Armuts­mi­gra­ti­on aus der Welt. „Je weni­ger Unge­rech­tig­keit es gibt, umso unwahr­schein­li­cher ist es, dass Flücht­lin­ge die Welt bevöl­kern und ihr furcht­ba­res Elend und Unheil mit­brin­gen“, hat Judith Shklar schon vor drei Jahr­zehn­ten formuliert.[vii]

Wir kön­nen und müs­sen also etwas tun. Zumal wir wis­sen, was zu tun wäre. Der „Glo­ba­le Pakt für Migra­ti­on“ etwa, zum 70. Jah­res­tag der Erklä­rung der Men­schen­rech­te in Mar­ra­kesch unter­zeich­net, „besagt, dass es gut wäre, die Lebens­ver­hält­nis­se so zu ver­bes­sern, dass Men­schen nicht mehr flie­hen müs­sen. Er besagt, dass die Staa­ten es den Umher­ir­ren­den schul­dig sind, sie nicht als Fein­de zu behandeln.“[viii]

Es ist also uner­läss­lich, dass nach­ge­dacht und mensch­lich gehan­delt wird. Dass Moral dabei unser Kom­pass ist und des­sen Nadel den Weg zur Gerech­tig­keit weist. Dass wir Uto­pien nicht damit abtun, dass sie uto­pisch sind. Dass wir mit offe­nem Blick auf die­se Welt schau­en. Und mit offe­nem Visier für ihre Ver­bes­se­rung kämpfen. 

Wenn der Ton hier auch mode­rat ist, ver­heh­le ich nicht, dass ich mit Wut im Bauch schrei­be. Nicht, um mich in mei­ner und unse­rer Ohn­macht zu suh­len. Im Gegen­teil: ich schrei­be, um nicht ohn­mäch­tig zu wer­den. Im Lauf der Jah­re habe ich zu vie­le Men­schen ken­nen­ge­lernt, die sich mit knap­per Not ret­ten konn­ten und denen selbst nach ihrer Lan­dung hier bei uns noch übel mit­ge­spielt wird. Men­schen, die hier noch grau­sam be- und miss­han­delt wer­den, nach­dem sie Unglaub­li­ches über­lebt haben. Men­schen, denen wider­fährt, was Shklar als „mora­li­sche Grau­sam­keit“ so beschrie­ben hat: „eine wil­lent­li­che und anhal­ten­de Demü­ti­gung, an deren Ende die Unfä­hig­keit des Opfers steht, weder sich noch ande­ren zu ver­trau­en. An irgend­ei­nem Punkt mag sie mit kör­per­li­chem Schmerz ver­bun­den sein, aber das liegt nicht zwangs­läu­fig in ihrem Wesen.“[ix]

Men­schen, wie etwa mei­ne aus Afgha­ni­stan stam­men­den Freun­de Najib und Jawad, Nawid und Ruh­la. Für sie und ihres­glei­chen müs­sen wir kämp­fen, damit das Leben rich­tig und gut sein kann für alle, also auch für uns.


  • Nicho­las Christakis: Blue­print. Wie unse­re Gene das gesell­schaft­li­che Zusam­men­le­ben prä­gen, Frank­furt am Main 2019, Sei­te 461f
  • Didier Fas­sin: Das Leben. Eine kri­ti­sche Gebrauchs­an­wei­sung. Ber­lin 2017. Sei­te xx
  • Kwa­me Antho­ny Appiah: Iden­ti­tä­ten. Die Fik­tio­nen der Zuge­hö­rig­keit. Ber­lin 2019, Sei­te 296
  • Judith Shklar: Ganz nor­ma­le Las­ter. Ber­lin 2014, Sei­te 8
  • https://www.sueddeutsche.de/kultur/coronavirus-vulnerabilitaet-triage‑1.4897768
  • Didier Fas­sin: Das Leben. Eine kri­ti­sche Gebrauchs­an­wei­sung. Ber­lin 2017. Sei­te 17
  • Judith Shklar: Obli­ga­ti­on, Loyal­ty, Exi­le. In: Poli­ti­cal Theo­ry, Vol. 21 No. 2, May 1993, p 197
  • Heri­bert Prantl: Zwei­er­lei Leben. Gedan­ken zum Welt­flücht­lings­tag. IN: Süd­deut­sche Zei­tung, 20./21. Juni 2020
  • Judith Shklar: Ganz nor­ma­le Laster
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