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Samstag, 06. Januar 2024

Zuhören, damit der/​die Andere erzählt.

Manifest für erhöhte Sichtbarkeit
Zuletzt geändert am 6. Januar 2024
Foto: ©Marco Buechl / info@marcobuechl.at


1. Desas­ter.

Wohin wir auch bli­cken, das Desas­ter ist da. Krieg, neben­an und weit weg sowie­so. Die Gesell­schaft? Gespal­ten. Der Fort­schritt? Ein Hund. Die Kul­tur? In der Kri­se. Die Rei­chen rei­cher gewor­den, die Armen obdach­los und ärmer. Prei­se gestie­gen, Zuver­sicht gesun­ken. Wirt­schafts­kri­se. Gesund­heits­kri­se. Bil­dungs­kri­se. Kli­ma­kri­se. Demo­kra­tie­kri­se. Poly­kri­se? Per­ma­kri­se! Der Aus­nah­me­zu­stand ist nor­mal geworden. 

2. Revo­lu­ti­on.

„Der Haupt­grund, wes­halb kein Mensch an eine Revo­lu­ti­on wirk­lich glaubt, ist die Gewiss­heit, dass nie­mand an eine Revo­lu­ti­on wirk­lich glaubt“, schreibt Guil­laume Pao­li: „Gegen die­se sub­jek­ti­ve Schran­ke stößt jedoch die objek­ti­ve Not­wen­dig­keit, Maß­nah­men zu ergrei­fen, die eine völ­li­ge Umwand­lung der Welt­ge­sell­schaft vor­aus­set­zen.“[1]

3. Sub­jekt.

„Hier gibt es eine Ent­schei­dung, eine Par­tei­nah­me, ein Axi­om“, schreibt Cyn­thia Fleu­ry: „Die­ses unan­tast­ba­re Prin­zip, die­se regu­la­ti­ve Idee lau­tet: Der Mensch kann, das Sub­jekt kann, der Pati­ent kann. Dabei han­delt es sich weder um einen from­men Wunsch noch um eine opti­mis­ti­sche Sicht des Men­schen. Es han­delt sich um eine mora­li­sche und intel­lek­tu­el­le Wahl in dem Sin­ne, dass dar­auf gesetzt wird, dass der Mensch hand­lungs­fä­hig ist.“[2]

4. Recht.

Die Aner­ken­nung der ange­bo­re­nen Wür­de, der glei­chen und unver­äu­ßer­li­chen Rech­te aller Mit­glie­der der Gemein­schaft der Men­schen. Ein Recht, gehört und gese­hen zu wer­den. Aner­ken­nung, ein Lebens­mit­tel, eine Vor­aus­set­zung, damit sich ein Gefühl des Selbst­werts, ein Gefühl der Zuge­hö­rig­keit, die Moti­va­ti­on eines Indi­vi­du­ums ent­wi­ckeln. Psy­chi­sches und sozia­les Wohl­be­fin­den prä­gen indi­vi­du­el­le Lebens­qua­li­tät und Gesellschaft. 

5. Kampf. 

„I am an invi­si­ble man. (…) I am invi­si­ble, under­stand, sim­ply becau­se peo­p­le refu­se to see me.” Von der Gesell­schaft als Nicht-Exis­tenz behan­delt, zieht sich der „unsicht­ba­re Mann“ im gleich­na­mi­gen Roman von Ralph Elli­son nach die­sen Sät­zen zurück. Er raucht, er trinkt, er hört Jazz. Und er schil­dert sei­ne Suche nach Iden­ti­tät in der Gesell­schaft. Axel Hon­neth setzt die­se Sze­ne an den Anfang sei­ner Arbeit über den „Kampf um Anerkennung“. 

6. Unsicht­bar­keit.

Sie ver­weist auf „zwei Phä­no­me­ne, deren Aus­wir­kun­gen sich über­la­gern“, schreibt Pierre Rosan­vallon: „Einer­seits auf das Ver­ges­sen, die Zurück­wei­sung und die Ver­nach­läs­si­gung, ande­rer­seits auf die Unles­bar­keit“.
Es gel­te, „die gesam­te Gesell­schaft aus ihrer Unsicht­bar­keit zu holen und Kennt­nis­se zu schaf­fen, die ihre Mit­glie­der ein­an­der näher brin­gen.“[3]

7. Sicht­bar­keit.

Das Tex­til, das der „Gelb­wes­ten“ genann­ten Bewe­gung ihren Namen gab, heißt in Frank­reich gilet de hau­te visi­bi­li­té, Wes­te für erhöh­te Sicht­bar­keit. „Genau dar­um ging es in ers­ter Linie“, schreibt Guil­laume Pao­li: „um die Sicht­bar­wer­dung jenes Teils der Bevöl­ke­rung, der am Rand der Tur­bo­ge­sell­schaft aus­ge­setzt wor­den ist. Die im Dun­keln sieht man nicht. Sie haben eine Pan­ne und rufen ver­geb­lich nach dem Abschlepp­dienst.“[4]

8. Momo.

„Sie saß nur da und hör­te ein­fach zu, mit aller Auf­merk­sam­keit. Und wenn jemand mein­te, sein Leben sei ganz ver­fehlt und bedeu­tungs­los und er selbst nur irgend­ei­ner unter Mil­lio­nen, einer, auf den es über­haupt nicht ankommt – und er ging hin und erzähl­te alles das der klei­nen Momo, dann wur­de ihm, noch wäh­rend er rede­te, auf geheim­nis­vol­le Wei­se klar, dass er sich gründ­lich irr­te, dass es ihn, genau­so wie er war, unter allen Men­schen nur ein ein­zi­ges Mal gab und dass er des­halb auf sei­ne beson­de­re Wei­se für die Welt wich­tig war. So konn­te Momo zuhö­ren!“[5]

9. Auf­merk­sam­keit für alle.

Vor 15 Jah­ren wur­de das Blink­licht Media Lab als zivil­ge­sell­schaft­li­che Insti­tu­ti­on gegrün­det, um demo­kra­tie­po­li­tisch rele­van­te Arbeit im Kul­tur­be­reich zu machen. Unse­re Behaup­tung: Indem wir unse­re Welt les­ba­rer machen, stär­ken wir die Gesell­schaft und die Demo­kra­tie. Pro­gram­ma­tisch for­mu­liert: Auf­merk­sam­keit für alle! Beharr­lich und von der Kul­tur­po­li­tik der Repu­blik durch Igno­ranz geadelt, trei­ben wir das Pro­jekt Geschich­te um Geschich­te, Buch um Buch vor­an – mit einer Bemer­kung von Eli­as Canet­ti im Kopf: Ein ein­zi­ger Mensch, den man wirk­lich anhört, bringt einen auf voll­kom­men neue Gedanken. 


[1] Guil­laume Pao­li: Geist und Müll. Von Denk­wei­sen in post­nor­ma­len Zei­ten, Ber­lin 2023.

[2] Cyn­thia Fleu­ry: Hier liegt die Bit­ter­keit begra­ben. Über Res­sen­ti­ments und ihre Hei­lung, Ber­lin 2023.

[3] Pierre Rosan­vallon: Das Par­la­ment der Unsicht­ba­ren, Wien 2015.

[4] Guil­laume Pao­li: Sozia­le Gelb­sucht, Ber­lin 2019.

[5] Micha­el Ende: Momo, Stutt­gart 1973.

Ver­fasst für und erschie­nen in: Fokus Publi­kum. Her­aus­ge­ber: Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Kunst, Kul­tur, öffent­li­chen Dienst und Sport, Wien, 2023. Redak­ti­on: section.a, Chris­ti­ne Haupt-Stum­mer und Ina Sattlegger
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