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Donnerstag, 21. Dezember 2006

Der Manager der Ärzte

Otto Ziwsa
Otto Ziwsa, 44, koordiniert bei „Ärzte ohne Grenzen“ die Einsätze von 220 Chirurgen, Anästhesisten und OP-Schwestern in zwölf Ländern.


Zwei Din­ge waren immer klar: Ich woll­te nie ins Per­so­nal­we­sen ein­stei­gen, weil ich dann etwa sagen müss­te: „Mül­ler, Sie sind schon wie­der zu spät“. Genau­so sicher war ich, dass ein Medi­zin­stu­di­um für mich nicht in Fra­ge käme. Und sie­he da, heu­te habe ich genau in die­ser Mischung mei­ne Beru­fung gefun­den: Als „Human Resour­ces Offi­cer“ von „Ärz­te ohne Gren­zen“ sor­ge ich von Paris aus dafür, dass rund 100 Chir­ur­gen, 100 Anäs­the­sis­ten und 20 OP-Schwes­tern jeweils zur rech­ten Zeit am rich­ti­gen Ort sind. Alles ist stän­dig im Fluss: Man­che Ärz­te müs­sen sechs Mona­te im Vor­aus ihren Urlaub pla­nen, damit sie dann für vier Wochen auf Ein­satz gehen kön­nen. Das kann jeder­zeit ein logis­ti­scher Alp­traum wer­den. Ich muss bei­spiels­wei­se wis­sen, dass zu einem bestimm­ten Zeit­punkt in dem Land A zwar Hel­fer aus Marok­ko und Kolum­bi­en ein­rei­sen dür­fen, aber kei­ne Boli­via­ner oder Alge­ri­er – die krie­gen aus faden­schei­ni­gen Grün­den kein Visum. In das Land B ande­rer­seits kön­nen wir kei­ne Bra­si­lia­ner schi­cken, weil Bra­si­li­en ein UN-Kon­tin­gent stellt und Bra­si­lia­ner des­halb dort als par­tei­isch gelten.
Wenn ich mich in beson­ders müden Momen­ten fra­ge, war­um ich mir das antue, den­ke ich an mei­ne Stu­di­en­kol­le­gen von der Wie­ner Wirt­schafts­uni. Eini­ge sind Con­trol­ler gewor­den und prü­fen seit zwei Jahr­zehn­ten irgend­wel­che Kenn­zah­len. Oder sie opti­mie­ren den Export von Coca Cola in die Slo­wa­kei. Da wird mir schnell klar, dass ich pri­vi­le­giert bin: Noch nie habe ich mich zu mei­ner Arbeit zwin­gen müssen.
Fast jeden Tag erle­be ich, wie ver­schie­den Fran­zo­sen und Öster­rei­cher sind. Wür­de ich mich in Wien so beneh­men, wie ich mich in Frank­reich beneh­men muss, wäre ich schnell als Dampf­plau­de­rer abge­stem­pelt. Wäre ich im umge­kehr­ten Fall in Paris so zurück­hal­tend, wie es in Wien von mir erwar­tet wird, dann hiel­ten mich die Fran­zo­sen für einen Duck­mäu­ser, für einen Oppor­tu­nis­ten. In Frank­reich ist jeder­mann stän­dig gefor­dert, sei­ne Mei­nung zu sagen – selbst wenn sie in einem Mee­ting schon von drei Leu­ten gleich­lau­tend for­mu­liert wur­de. In Wien die­nen Sit­zun­gen eher der Ent­schei­dungs­fin­dung, in Paris dem Gedan­ken­aus­tausch. Je län­ger man ver­sucht, allen gerecht zu wer­den, umso schwie­ri­ger wird es, die Din­ge rich­tig zu machen: Einst war ich ein über­pünkt­li­cher Mensch. In Frank­reich habe ich mir die Pünkt­lich­keit so weit abge­wöhnt, dass ich Men­schen in Wien heu­te vor den Kopf sto­ße, weil ich beden­ken­los eine hal­be Stun­de zu spät komme.

auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 45/2006
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