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Montag, 04. April 2016

Mein Europa wird auf die Probe gestellt

Wolfgang Schmale
Wolfgang Schmale, 59, lebt, unterrichtet und forscht als Historiker in Wien.


Den ers­ten Kul­tur­schock mei­nes Lebens hat­te ich im Alter von neun Jah­ren. Mei­ne Fami­lie über­sie­del­te damals aus Unter­fran­ken ins Ruhr­ge­biet. Unser Dia­lekt mach­te mich in der Schu­le zum Frem­den. So wur­de mir das Frän­ki­sche aus­ge­trie­ben. Euro­pa wur­de mir schon in frü­hes­ter Jugend zum The­ma. Wir waren viel unter­wegs mit unse­ren Eltern. In klas­si­schen Bil­dungs­rei­sen haben sie mei­nen bei­den Schwes­tern und mir Süd­eu­ro­pa gezeigt. Spa­ni­en, Ita­li­en, Grie­chen­land. Von die­sen Anfän­gen sehe ich die Anti­ke bis heu­te als mei­nen Ruhe­pol. Ich habe ein biss­chen Grie­chisch gelernt, Ita­lie­nisch und Spa­nisch. Als stu­den­ti­sche Hilfs­kraft konn­te ich in einem For­schungs­pro­jekt zum bäu­er­li­chen Wider­stand in Frank­reich arbei­ten. All das hat mir früh die Türen nach Euro­pa geöff­net.
Wäh­rend einer Wan­de­rung durch Marok­ko habe ich 2008 begon­nen, Noti­zen zu machen. Abends zog ich mich mit Stift und Heft zurück, um mei­ne Ein­drü­cke zu sor­tie­ren. Mein Grund­mo­tiv war die Fra­ge: Wo über­all fin­de ich Euro­pa? Das hat Spaß gemacht. Nach einer Wei­le wur­de dar­aus ein Buch­pro­jekt, ein Blog. Und schließ­lich lagen die „Rei­se­ta­ge­bü­cher eines His­to­ri­kers“ unter dem Titel „Mein Euro­pa“ als Buch vor.
Mit Blick auf die aktu­el­le Lage ist natür­lich ein­mal zu fra­gen, ob die Poli­tik nicht etwas vor­aus­schau­en­der agie­ren hät­te kön­nen. Das muss man als Euro­pä­er und His­to­ri­ker gera­de mit Blick auf Syri­en beja­hen. Der anti­ke Raum, der Mit­tel­meer­raum: das ist kei­ne frem­de Regi­on son­dern im Gegen­teil ein gro­ßer Kom­mu­ni­ka­ti­ons­raum aus dem wir unse­re phi­lo­so­phi­schen und ästhe­ti­schen Kate­go­rien bezie­hen. Jetzt stel­len uns die Flücht­lin­ge in jeder Hin­sicht auf die Pro­be: Mei­nen wir es ernst mit Euro­pa? Was bedeu­ten uns die Men­schen­rech­te? Was heisst Soli­da­ri­tät? Grie­chen­land droht zu einem rie­si­gen Flücht­lings­la­ger zu wer­den. Es führt wohl kein Weg vor­bei an der Erkennt­nis und dem Ein­ge­ständ­nis, dass Euro­pa die Flücht­lin­ge nicht aus­sper­ren kann, son­dern sich auf das besin­nen muss, was es bei Son­nen­schein immer für sich in Anspruch genom­men hat: Euro­pa ist die Zivi­li­sa­ti­on der Men­schen­rech­te und des Huma­ni­ta­ris­mus. Im Moment ste­hen wir an den Gren­zen unse­rer Glaub­wür­dig­keit.
Auch wenn es schwer­fällt, blei­be ich aus Prin­zip opti­mis­tisch. Wir Euro­pä­er leben in rei­chen Gesell­schaf­ten, jeder von uns kann vie­les tun, um zu hel­fen. Wenn jeder etwas macht, dann passt das schon. Euro­pa ist stark genug für sei­ne viel­fäl­ti­ge Kul­tur mit ihren viel­fäl­ti­gen Wur­zeln. Euro­pa ist auch stark genug, dies den zu uns Kom­men­den vor Augen zu füh­ren und von ihnen Respekt für unse­re euro­päi­sche Viel­falt zu erwar­ten. Was ich aber noch nicht sehe: wie las­sen sich in Syri­en, wie las­sen sich im Irak wie­der Bedin­gun­gen schaf­fen, die den Men­schen dort ein men­schen­wür­di­ges Dasein ermöglichen?

auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 14/2016
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