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WIR. HIER UND JETZT – Band II

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Erscheinungsdatum:

 27,50

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Weil heu­te nicht mehr selbst­ver­ständ­lich ist, was einst selbst­ver­ständ­lich schien, ist es ange­bracht, die vor­lie­gen­den Bän­de mit die­sem bana­len Satz ein­zu­lei­ten: Flücht­lin­ge sind auch nur Men­schen! Men­schen haben Talen­te, kön­nen und wis­sen Din­ge. Auch wenn es Men­schen sind, die ver­folgt wer­den. Men­schen, die über­lebt haben oder immer wei­ter mit dem Über­le­ben beschäf­tigt sind. Men­schen, die irgend­wo­her kom­men, aber oft­mals nir­gend­wo ankom­men. Men­schen, die in Zwi­schen­wel­ten leben. Men­schen, die in wesent­li­chen Momen­ten unfass­bar stark waren und irgend­wann am Ende ihrer Kräf­te sind. Men­schen, die träu­men. Men­schen, die Angst haben. Men­schen, die Kin­der haben. Men­schen, die mit Ängs­ten und Träu­men und Kin­dern in Lagern leben. Men­schen, die unfrei­wil­lig mobil sind und dies viel zu oft blei­ben müs­sen. Men­schen, die wesent­li­che Lebens­ent­schei­dun­gen nicht frei tref­fen kön­nen. Men­schen, die sich nicht aus­su­chen kön­nen, wo sie leben.

Mazen, 40: Als die Rake­te einschlug 

Ich leb­te seit mei­ner Geburt 1975 als Paläs­ti­nen­ser in Syri­en. Ich möch­te von mei­nen Schwie- rig­kei­ten erzäh­len, die ich auf mei­ner Rei­se nach Öster­reich hat­te. Zunächst leb­te ich im Al-Nei­rab-Camp, fünf Kilo­me­ter öst­lich von Alep­po. Doch mit jedem Tag wur­de das Leben dort schwie­ri­ger, da wir durch die Kämp­fe und Zusam­men­stö­ße von der Stadt abge­schnit­ten waren. Also beschlos­sen wir, nach Alep­po zu zie­hen, wo ich viel­leicht bes­se­re Chan­cen hät­te, Geld zu ver­die­nen und die Fami­lie zu ver­sor­gen. Ich habe drei Kinder.

Nach einer schreck­li­chen Rei­se vol­ler Gefah­ren gelang­ten wir nach Alep­po. Wir wohn­ten zwei Wochen bei mei­ner Schwes­ter, aber wir muss­ten uns um eine ande­re Blei­be umse­hen, da das Haus zu klein war und die Situa­ti­on uner­träg­lich wur­de, auch wenn mei­ne Schwes­ter äußerst gast­freund­lich war. Nach­dem wir eini­ge Tage gesucht hat­ten, fand ich eine Miet­woh- nung, in der wir lei­der nur drei Mona­te blei­ben konn­ten, da der Stadt­teil zu einem sehr gefähr- lichen Ort gewor­den war. Den gan­zen Tag gab es Zusam­men­stö­ße. Schließ­lich bat mir ein Freund sein Haus an, da er ins Aus­land rei­sen woll­te. Das Haus mei­nes Freun­des war recht groß und gemüt­lich, doch wir muss­ten auch von dort wie­der weg. Die­ses Mal wur­den wir von der Poli­zei ver­jagt. Sie mein­ten, dass ich ihre Fra­gen nicht zufrie­den­stel­lend beant­wor­tet hät­te und somit nicht blei­ben dür­fe. Dar­auf­hin mie­te­te ich eine Woh­nung in Al-Midan. Al-Mi- dan ist nicht voll­kom­men sicher, aber ich hat­te kei­ne Wahl, denn die Mie­te war recht güns­tig. Ein Haus in einem siche­ren Stadt­teil zu mie­ten kos­tet eine Men­ge Geld. Ich leb­te etwa 2 Jah­re in die­ser Woh­nung – 2 Jah­re vol­ler Angst und Schre­cken. Der Tod lag in der Luft. Am 10. Juni 2015 wur­de die Woh­nung schwer beschä­digt und unbe­wohn­bar. Glück­li­cher­wei­se waren mei­ne Fami­lie und ich nicht zu Hau­se, als die Rake­te ein­schlug. Wir waren weni­ge Minu­ten zuvor erst aus dem Haus gegangen.

Es war die­ser Moment, als ich begann dar­über nach­zu­den­ken, Syri­en zu ver­las­sen. Doch um ins Aus­land zu gehen, braucht man viel Geld, also ging ich zurück in mein Haus in Al-Nei­rab. Ich ver­such­te mich an das Leben dort zu gewöh­nen, aber es gelang mir nicht. Ich war in die­ser Zeit Leh­rer an einer Ober­schu­le namens Al-Kawa­ki­bi und gab nach­mit­tags Nach­hil­fe. Wenn ich in mei­ne Hei­mat­stadt gin­ge, wür­de ich mei­nen Job ver­lie­ren. Ich hat­te also die Wahl: ent­we­der in Alep­po zu blei­ben und Geld zu ver­die­nen, aber unter stän­di­ger Bedro­hung unse­res Lebens, oder in Al-Nei­rab zu leben, wo Armut, Unter­drü­ckung und Miss­hand­lun­gen all­ge­gen­wär­tig waren. Hilf- und hoff­nungs­los, wie ich war, ent­schied ich mich, den Gold­schmuck mei­ner Frau und mein gesam­tes Eigen­tum zu ver­kau­fen, um genug Geld für die Rei­se nach Euro­pa zusam- men­zu­krat­zen, wo ich mir Sicher­heit und eine bes­se­re Zukunft für mei­ne drei Kin­der erhoff­te: für Mus­a­ab, Moha­mad und Tim. Doch zuerst muss­te ich mei­ne 70-jäh­ri­ge Mut­ter über­zeu­gen, mit uns zu kom­men. Sie wider­sprach vehe­ment und mein­te, dass sie bereits in ihrer Kind­heit ein Flücht­ling gewe­sen sei und nicht vor­ha­be, als alte Frau wie­der zu einem zu werden.

Es ist eine Kata­stro­phe, zwei­mal im Leben zum Flücht­ling zu wer­den, doch genau das pas­siert mit allen in Syri­en leben­den Palästinensern. 

Ich bin wirk­lich glück­lich, dass mei­ne gan­ze Fami­lie end­lich sicher in Öster­reich ist. Wir sind Öster­reich sehr zu Dank ver­pflich­tet. Hier füh­len wir uns lang­sam zu Hau­se, haben vie­le freund­li­che und unkom­pli­zier­te Men­schen getrof­fen und füh­len uns wie­der sicher. Ich hof­fe, mich so rasch wie mög­lich in die­se Gesell­schaft zu inte­grie­ren. Ich freue mich schon sehr dar­auf, hier arbei­ten zu können.

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