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Ernst Schmiederer, Herausgeber

WIE WIR LEBEN

ISBN: 978−3−9503494−5−0
280 Seiten
Erscheinungsdatum:
22.05.2015

 14,90

Rund eine Mil­li­on Men­schen in Öster­reich sind heu­te zwi­schen 14 und 24 Jah­re alt. Eine Mil­li­on Men­schen, die unser Land und Euro­pa Jahr für Jahr sicht­ba­rer prä­gen wer­den – mit ihren Akti­vi­tä­ten und Leis­tun­gen, aber auch mit ihren Spra­chen, mit ihrer Her­kunft, mit ihren Geschich­ten und bald durch ihre Kin­der. Eine Mil­li­on Men­schen mit mehr oder weni­ger kom­ple­xen Bio­gra­fien sind eine Mil­li­on Indi­vi­du­en, von denen wir jeden­falls zu wenig wis­sen. Die hier vor­ge­leg­ten Berich­te mögen dazu bei­tra­gen, die­se kol­lek­ti­ve Bil­dungs­lü­cke zu schließen.

Ein Kalei­do­skop der Viel­falt. Ein Vor­wort von Hei­di Schrodt

Mei­ne Kind­heit ver­brach­te ich in einer nie­der­ös­ter­rei­chi­schen Klein­stadt an der Donau. In den 1950er-Jah­ren war dort alles noch so, wie es immer gewe­sen war, zumin­dest was alte Ord- nun­gen betrifft. Die Gesell­schaft die­ser Pro­vinz­stadt war stän­disch geprägt. Da gab es die Hilfs­ar­bei­te­rin­nen und Hilfs­ar­bei­ter, die in den drei loka­len Fabri­ken arbei­te­ten und deren Kin­der meist den zwei­ten Klas­sen­zug der Haupt­schu­le besuch­ten, um eben­falls ein­mal Hilfs- arbei­te­rin­nen und Hilfs­ar­bei­ter zu wer­den. Dann die Geschäfts­leu­te, deren Kin­der meist den ers­ten Klas­sen­zug der Haupt­schu­le besuch­ten, um dann einen Lehr­be­ruf zu erler­nen und die elter­li­chen Betrie­be zu über­neh­men. Schließ­lich waren da noch die Aka­de­mi­ker – Ärz­te, Rechts­an­wäl­te, der Apo­the­ker –, und deren Kin­der zähl­ten zur klei­nen Min­der­heit der­je­ni­gen, die ein Gym­na­si­um besuch­ten. Die Kin­der und Jugend­li­chen mei­ner Kind­heit wuch­sen also meist in getrenn­ten sozia­len Wel­ten auf und hat­ten doch eines gemein­sam: Deutsch als Mut­ter- spra­che. Ich erin­ne­re mich an einen ein­zi­gen Aus­län­der aus die­ser Zeit, einen Mann namens Jaro, der mit einer Frau aus dem Ort zusam­men­leb­te, sich mit Gele­gen­heits­ar­bei­ten sein Geld ver­dien­te und des­sen Deutsch durch einen aus­ge­prägt tsche­chi­schen Akzent auffiel.

Ein hal­bes Jahr­hun­dert spä­ter hat in der­sel­ben Klein­stadt fast ein Fünf­tel der Bevöl­ke­rung soge­nann­ten Migra­ti­ons­hin­ter­grund. Auch die öster­rei­chi­sche Pro­vinz ist inzwi­schen also in der Migra­ti­ons­ge­sell­schaft gelan­det. Wenn man die „zwei­te Gene­ra­ti­on“ dazu­rech­net, hat in der Haupt­stadt Wien mehr als die Hälf­te der Bevöl­ke­rung einen soge­nann­ten Migra­ti­ons­hin­ter­grund, unter den Kin­dern und Jugend­li­chen macht das, in die­ser Berech­nung, fast 70 Pro­zent aus. Wien liegt mit die­ser Ent­wick­lung im Trend und kann mit Fug und Recht als inter­na­tio­na­le Stadt bezeich­net werden.

Wenn wir uns also die demo­gra­phi­schen Zah­len anse­hen, müss­ten wir anneh­men, dass sich unse­re Schu­len auf dem Hin­ter­grund die­ser Ver­än­de­run­gen auch grund­le­gend gewan­delt haben. Schließ­lich ver­langt eine hete­ro­ge­ne, mehr­spra­chi­ge Schü­ler­schaft in einer trans- natio­na­len, sich stets in Bewe­gung befin­den­den Gesell­schaft ein Schul­sys­tem, das die­sen ver­än­der­ten Aus­gangs­be­din­gun­gen Rech­nung trägt, mit Mehr­spra­chig­keit und Diver­si­tät umge­hen kann. Die Hete­ro­ge­ni­tät in den Klas­sen­zim­mern stellt ja heu­te die Regel und nicht die Aus­nah­me dar, und migran­ti­sche Kin­der und Jugend­li­che sind in unse­ren Schu­len längst Rea­li­tät. Doch hat das öster­rei­chi­sche Schul­sys­tem auf die ver­än­der­ten Aus­gangs­be­din­gun­gen bes­ten­falls mit Par­ti­ku­lar- oder Repa­ra­tur­maß­nah­men reagiert. Man kann sagen, es ist in den 60er-Jah­ren des vori­gen Jahr­hun­derts hän­gen geblie­ben. Nach wie vor ist die Schu­le in ihren Grund­zü­gen stän­disch orga­ni­siert, wie in den 50er-Jah­ren mei­ner Kind­heit: Mit zehn Jah­ren erfolgt die Tren­nung in Hauptschulen/​Neue Mit­tel­schu­len und in die als höher­wer­tig ange­se­he­nen Gym­na­si­en, zu deren stren­gen Zugangs­be­din­gun­gen auch gute Deutsch­kennt­nis­se zäh­len. Wer über die­se auf­grund sei­ner fami­liä­ren Her­kunft nicht ver­fügt, hat Pech gehabt bei uns. Pech hat auch, wer in eine Fami­lie hin­ein­ge­bo­ren wird, die öko­no­misch schlecht gestellt ist. Wenn die­se dar­über hin­aus auch noch zu denen zählt, die man als „bil­dungs­fern“ bezeich­net, dann sind die Chan­cen ihrer Kin­der auf eine höhe­re Bil­dung sta­tis­tisch gese­hen sehr schlecht. Nicht der soge­nann­te Migra­ti­ons­hin­ter­grund ist es näm­lich, der bei uns zu Ben­ach- teil­i­gung in der Schu­le führt, son­dern die Kom­bi­na­ti­on die­ses Fak­tors mit Bil­dungs­fer­ne und Armut im Eltern­haus. Da in Öster­reich der Anteil von Zuwan­de­rern mit nied­ri­gem Bil­dungs­grad und aus sozio­öko­no­misch schwa­chem Hin­ter­grund im inter­na­tio­na­len Ver­gleich sehr hoch ist, haben es Kin­der aus sol­chen Fami­li­en beson­ders schwer. Unser Schul­sys­tem ver­hält sich noch immer so, als wären wir in einer mono­lin­gua­len, kul­tu­rell homo­ge­nen Gesell­schaft. Alle Maß­nah­men, die auf die ver­än­der­te Situa­ti­on reagie­ren, sind als Repa­ra­tur­maß­nah­men dazu­ge­kom­men, eine grund­le­gen­de Reform hat nie statt­ge­fun­den. Beson­ders hart trifft es übri­gens die Kin­der und Jugend­li­chen, die neu ankom­men. Für sie ist wenig bis gar nichts vor- gese­hen, und mit dem Ende der Schul­pflicht ist es dann aus mit ihrer Bil­dung. Es ver­steht sich von selbst, dass man in ein, zwei Jah­ren nicht aus­rei­chend Deutsch ler­nen kann, um einen Schul­ab­schluss zu schaf­fen. Aber unse­re Schu­le hat kei­ne Vor­keh­run­gen getrof­fen, um auch die­sen Jugend­li­chen gerecht zu wer­den, etwa mit der Ein­füh­rung des Rechts auf kos­ten­lo­sen Schul­be­such bis 18.

Das Pro­jekt „WIR. BERICH­TE AUS DEM NEU­EN OE“ ist in vie­ler­lei Hin­sicht ein­zig­ar­tig. Man geht in Schul­klas­sen und lässt Jugend­li­che schrei­ben – über sich, ihre Fami­lie, ihre Her- kunft, ihre Sor­gen. Groß­ar­ti­ge Doku­men­te sind im Lau­fe des Pro­jekts ent­stan­den. Sie kün­den von puber­tä­ren Nöten eben­so wie von ers­ter Lie­be, Tren­nung und Schei­dung der Eltern, Ver­lust­er­fah­run­gen oder trau­ma­ti­schen Erleb­nis­sen wie Flucht oder Kriegs­er­leb­nis­sen. Kom­men­tar­los anein­an­der­ge­reiht, unter Bei­be­hal­tung der sprach­li­chen Eigen­hei­ten der jun­gen Ver­fas­se­rin­nen und Ver­fas­ser erge­ben die­se Berich­te für die Lese­rin ein fas­zi­nie­ren­des Kalei- doskop der viel­fäl­ti­gen Zusam­men­set­zung der Klas­sen­zim­mer unse­rer Schu­len heu­te. Was in der Schul­po­li­tik noch nicht rezi­piert wur­de, hier wird es sicht­bar: Die von Diver­si­tät gepräg­te Gesell­schaft ist in Öster­reich die Norm, nicht die Aus­nah­me. Die Fra­ge nach dem soge­nann­ten Migra­ti­ons­hin­ter­grund stellt sich im Buch gar nicht. Und das ist gut so. Es liegt am Zugang, der in dem Pro­jekt gewählt wur­de: Kon­se­quent und radi­kal wird aus der Per­spek­ti­ve der Jugend- lichen berich­tet. Und so wer­den die Per­so­nen, die Per­sön­lich­kei­ten greif­bar; die Fra­ge, woher sie kom­men und wie lan­ge sie schon im Lan­de sind, ob ihre Erst­spra­che Deutsch ist oder auch nicht, all das spielt zwar im Leben die­ser Jugend­li­chen eine gro­ße Rol­le, ist aber im Kon­text des Buchs neben­säch­lich. Neben­säch­lich im Sin­ne von Kate­go­ri­sie­run­gen und Schub- ladi­sie­run­gen. Hier ist der jun­ge Mensch nicht Objekt von Unter­su­chun­gen, son­dern rückt als Sub­jekt ins Zen­trum des Leser­inter­es­ses. Inter­es­sant ist, dass die Fra­ge der Iden­ti­tät zwar für die por­trä­tier­ten Jugend­li­chen sehr wich­tig ist, aber in ers­ter Linie im Zusam­men­hang mit dem Erwach­sen­wer­den, weni­ger hin­ge­gen mit ihrer Her­kunft. Mit ihren Mehr­fach­iden­ti­tä­ten kom­men die meis­ten gut zurecht, scheint es. Sie füh­len sich ihrem Wohn­be­zirk ver­bun­den und lie­ben die Stadt, in der sie leben. Beson­ders trifft das übri­gens auf die jun­gen Wie­ne­rin­nen und Wie­ner zu.

Der Buch­rei­he wün­sche ich ein gro­ßes Echo und zahl­rei­che Lese­rin­nen und Leser. Das Pro­jekt leis­tet einen wert­vol­len Bei­trag zur Nor­ma­li­sie­rung des Migra­ti­ons­dis­kur­ses. Viel­leicht kommt die Zeit, in der unse­re neu­en Öster­rei­che­rin­nen und Öster­rei­cher nicht mehr nach ihrem Migra­ti­ons­hin­ter­grund gefragt wer­den – weil es nicht mehr nötig ist. Es wäre eine schö­ne Perspektive.

Mag. Hei­di Schrodt war Direk­to­rin am Gym­na­si­um Rahl­gas­se und hat sich zuletzt mit dem Buch „Sehr gut oder Nicht genü­gend?“ zum The­ma „Schu­le und Migra­ti­on in Öster­reich“ zu Wort gemeldet.

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