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Ernst Schmiederer, Herausgeber

Wer Wir Sind

ISBN: 978---3-9503-49-4
248 Seiten
Erscheinungsdatum:
14.05.2014

 14,90

Die Schu­le? Öd! Das Bil­dungs­sys­tem? Vor­gest­rig! Die Wirt­schaft? In der Dau­er­kri­se! Kar­rie­re? Viel­leicht. Poli­tik? Geh bit­te! Der Bau­spar­ver­trag? Auch nicht mehr, was er ein­mal war! Die Fami­lie? Ja, aber. Ver­gan­gen­heit? Vor­bei! Zukunft? Ungewiss!

Wür­den Jugend­li­che sich in ihrer Ori­en­tie­rungs­su­che auf jene ver­staub­ten Sinn­stif­tungs- instan­zen beschrän­ken, die das Leben ihrer Eltern prä­gen, wären sie wohl schnell ver­lo­ren. Es steht daher zu ver­mu­ten, dass sie sich – wie unge­zähl­te Gene­ra­tio­nen vor ihnen – auf ein ganz eige­nes Hier und Heu­te kon­zen­trie­ren. Auf ihr Leben also. Auf ihre Gegenwart.

Genau davon – wie sich die­ses Leben ihnen selbst dar­stellt – erzäh­len sie in der Rei­he „WIR. BERICH­TE AUS DEM NEU­EN OESTERREICH“.

Affen im Win­ter. Über das Erzäh­len unse­rer Geschichten.

Ein Vor­wort von Pau­lus Hochgatterer

Die Sache mit dem Buben, der das Frem­de in mein Leben brach­te, ist durch ein Foto abge­si­chert – angeb­lich pas­siert es auch heu­te noch nach dem glei­chen Mus­ter. Die Klas­sen­leh­re­rin sagt: „Kin­der, mor­gen kommt der Foto­graf“, und die Müt­ter wer­den tätig. Die Gar­de­ro­be wird durch­fors­tet, der Fri­seur tritt in Akti­on, und das Ergeb­nis des Zäh­ne­put­zens wird kon­trol­liert. Am nächs­ten Vor­mit­tag wer­den zwei Fotos ange­fer­tigt, eins vom Kind, allein mit sei­nen Schul­sa­chen, und eins von der gan­zen Klasse.

Ich sit­ze auf dem Foto aus mei­ner ers­ten Volks­schul­klas­se in der zwei­ten Rei­he, in einer grau­grü­nen Strick­jop­pe mit Sil­ber­knöp­fen. Links neben mir, dun­kel­blond und schmal­ge­sich­tig, in einem ocker­far­be­nen Hemd, das ihm sicht­lich zu groß ist, sitzt Peter. An der Rück­wand der Klas­se hän­gen eine Land­kar­te des Bezir­kes Melk, eine Roll­ta­fel mit der dama­li­gen Ver­si­on der öster­rei­chi­schen Schul­schrift und ein gro­ßer Bogen Pack­pa­pier mit eini­gen Sät­zen. „Der Früh­ling ist da“, kann man lesen. „Die Vögel sin­gen. Die Bäu­me blü­hen. Der Bau­er pflügt das Feld.“ Die kor­rek­te Posi­ti­on der Stri­che auf den Umlau­ten war unse­rer Leh­re­rin sehr wich­tig, dar­an kann ich mich erin­nern. An der rech­ten Sei­ten­wand, ober­halb der Tür, ist das Por­trät des Bun­des­prä­si­den­ten zu erken­nen. Franz Jonas – er habe Schrift­set­zer gelernt, hat­te mir mein Vater gesagt, und ich stell­te mir unter einem Schrift­set­zer jeman­den vor, der bestimm­te, wie man die Buch­sta­ben zu schrei­ben habe.

Peter, von dem ich nicht weiß, ob er tat­säch­lich Peter hieß, ging knap­pe zwei Mona­te in unse­re Klas­se, von April bis Juni. Plötz­lich war er da, und eben­so plötz­lich war er wie­der weg, das eine wie das ande­re ohne Ankün­di­gung. Dazwi­schen wohn­te er auf einem geschot­ter­ten Platz in der Au, der sonst als Holz­la­ger­platz dien­te, in einem Wagen auf Rädern, der aus­sah, als gehö­re er zu einem Zir­kus. Er zeich­ne­te Strich­männ­chen ohne Schu­he und ohne Klei­der, schrei­ben und rech­nen schien er gar nicht zu kön­nen, dafür kam er an der Klet­ter­stan­ge im Turn­saal bis ganz hin­auf. Ins­ge­samt sprach er wenig, nur in den Hei­mat­kun­de­stun­den erzähl­te er immer wie­der unver­mit­telt selt­sa­me Din­ge, vom Feu­er­ma­chen, von Spa­ni­en und vom Meer. Unse­re Leh­re­rin ließ ihn gewäh­ren und mein­te, er habe offen­bar eine leb­haf­te Phan­ta­sie, und als ich mei­ne Mut­ter ein­mal frag­te, ob ich nach der Schu­le mit ihm gehen dür­fe, sag­te sie, das kom­me gar nicht in Fra­ge. „Das sind Sche­ren­schlei­fer“, sag­te sie, „bei denen muss man auf- pas­sen.“ Als ich ihm das sag­te, schwieg er zuerst; schließ­lich sag­te er, sein Onkel schlei­fe auch die gro­ßen Mes­ser, die man Schwei­nen in den Hals ste­che, und außer­dem sei er in Spa­ni­en gewe­sen und dort habe er Affen gese­hen, so rich­tig gro­ße, mit einem Pelz, mit dem sie auch durch den Win­ter kämen. Mei­ne Mut­ter sag­te, da kön­ne ich es sehen, schon bei den Kin­dern von den Sche­ren­schlei­fern müs­se man auf­pas­sen; Affen gebe es näm­lich weder in Spa­ni­en noch im Winter.

Kein Kind aus mei­ner Volks­schul­zeit ist mir so in Erin­ne­rung geblie­ben wie die­ser Bub, und die von mei­ner Umge­bung indu­zier­te Sche­ren­schlei­fer-Angst, die er durch die Geschich­te vom Schlach­ter­mes­ser noch grö­ßer mach­te, mag dabei genau­so eine Rol­le gespielt haben wie die Fas­zi­na­ti­on, die von sei­nen spar­sa­men Rei­se­er­zäh­lun­gen aus­ging. Aus heu­ti­ger Sicht hat er mir, dem damals knapp Sie­ben­jäh­ri­gen, auf einer unbe­wuss­ten Ebe­ne jene Fra­gen ein­ge­pflanzt, die mich heu­te immer noch interessieren:

Was ist es eigent­lich, das wir Hei­mat oder Zuhau­se nen­nen? Defi­niert es sich durch Fun­da­men­te aus Beton, Wän­de aus Zie­geln und sturm­fes­te Dächer, oder kann es auch an einen selt­sa­men zwei­ach­si­gen Wagen, der von einem klei­nen Bedford-Las­ter gezo­gen wird, gebun­den sein? Ist Hei­mat dort, wo ich mich zumin­dest ein paar Jah­re auf­hal­te, zum Bei­spiel eine Volks­schul­zeit lang? Bin ich nur dort zu Hau­se, wo ich den Bun­des­prä­si­den­ten ken­ne und die Schul­schrift rich­tig schrei­ben kann?

Ver­mut­lich ist damals eine ers­te Ahnung von der Para­do­xie des Unter­wegs­seins in mir ent­stan­den; davon, dass man sich, wenn man alle paar Mona­te umzieht, Frei­heit und die Sicher­heit, stän­dig Neu­es zu erle­ben, dadurch erkauft, dass man auf vie­le Bezie­hun­gen, Freund­schaf­ten zum Bei­spiel, ver­zich­ten muss. Ver­mut­lich habe ich damals schon gespürt, dass ein Bezirk, des­sen Gren­zen man auf einer Land­kar­te mit dem Fin­ger nach­zeich­nen und von dem man sagen kann: „Das ist mei­ner“, zwar etwas Abs­trak­tes, aber trotz­dem etwas ist, das einem Halt gibt. Ver­mut­lich habe ich gespürt, dass die Erfah­rung, dass einen kei­ner nach Hau­se beglei­ten darf, weil die­ses Zuhau­se eine frag­wür­di­ge Ange­le­gen­heit zu sein scheint, für einen Men­schen ziem­lich trau­rig sein muss.

Mit Sicher­heit frei­lich habe ich ande­rer­seits gespürt, dass es da etwas gibt, das stär­ker ist als Trau­rig­keit und Ver­zicht, stär­ker als die Skep­sis der Leh­rer und stär­ker als das Miss­trau­en unse­rer Müt­ter und Väter, etwas, das mit den Geschich­ten zu tun hat­te, die die­ser Bub erzähl­te. Schlach­ter­mes­ser. Spa­ni­en. Affen im Winter.

Indem wir ande­ren unse­re Geschich­ten erzäh­len, erzäh­len wir uns selbst her­bei. So war es bei Peter, und so ist es bei uns allen. Der Mensch ist ein nar­ra­ti­ves Wesen, von Anfang an. Unse­re Bezie­hun­gen leben davon, dass wir ein­an­der Geschich­ten erzäh­len. Täg­lich erzäh­len wir uns das neu, was wir gewohnt sind, ein wenig groß­spu­rig „Iden­ti­tät“ zu nen­nen. Gera­de Kin­der und Jugend­li­che tun das, heu­te zum Teil mit ande­ren Mit­teln als wir vor vier­zig Jah­ren, zum Teil aller­dings noch genau so. Es ihnen sys­te­ma­tisch zu ermög­li­chen, wie es „WIR. BERICH­TE AUS DEM NEU­EN OES­TER­REICH“ tut, bedeu­tet, sie dar­in zu ermu­ti­gen, zu sagen: „Das bin ich“, auch wenn sie viel­leicht erst zwei Mona­te da sind, schlecht rech­nen kön­nen oder in einem Wagen woh­nen, der aus­sieht, als gehö­re er zu einem Zirkus.

Dr. Pau­lus Hoch­gat­te­rer ist Kin­der- und Jugend­psych­ia­ter und Schriftsteller.

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