
Eigentlich bin ich ein sehr lustiger Mensch, leicht zu unterhalten. Ich lache gerne und laut. Aber in der Öffentlichkeit geht das unter, weil es bei den Themen, zu denen ich arbeite und rede, wenig zu lachen gibt. Ich habe mich vergangenes Jahr in Soziologie habilitiert. Seit 2015 konzentriere ich mich aber auf die Flucht- und Migrationsforschung.
Nach dem Studienabschluss hatte ich eigentlich genug vom Akademischen. Das Verfassen meiner Dissertation war über weite Strecken ein einsames Tun, meine Bücher, mein Computer und ich. Ich habe mir deshalb eine Stelle in der Administration der WU Wien gesucht, in der Hoffnung, dass ich es da wieder mit Menschen zu tun habe. Und das hat sich als absoluter Glücksfall erwiesen.
Der Demograf und damalige WU-Professor Wolfgang Lutz hat mich im Sommer 2015 in sein Team gebeten und mit einer Mathematikerin zusammengespannt. Wir sollten für einen rapid response survey ins Feld gehen und herausfinden, wer die in diesem Sommer zu uns geflüchteten Menschen eigentlich sind. Also haben wir die Notunterkünfte besucht und Menschen befragt. Das war sehr wertvoll. Einerseits wurden dabei viele Wissenslücken offenbar – abgesehen vom Geburtsjahr und der Nationalität dieser Menschen wusste man kaum etwas über sie. Andererseits hat sich aus diesem Impuls die Fluchtforschung in Österreich erst so richtig entwickelt.
Zehn Jahre später konnte ich die erste einschlägig fokussierte Einrichtung in Österreich mitbegründen, das „Forschungsinstitut für Migrations- und Fluchtforschung und ‑management (FORM)“ an der Wirtschaftsuniversität Wien. Unter meiner Leitung sind 20 affiliierte Wissenschafter*innen aus allen möglichen Bereichen und Themenfeldern tätig: Ökonomie, Rechts- und Sozialwissenschaften, Klima, Nachhaltigkeit, Interkulturelle Kommunikation. Wir setzen auf interdisziplinäres Arbeiten, fachliche und methodische Exzellenz sowie den Austausch mit Stakeholdern aus Wirtschaft, Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft.
Unübersehbar und messbar nimmt der soziale Zusammenhalt in unseren Gesellschaften immer weiter ab. Die extremen Enden des Meinungsspektrums werden stärker, die Mitte schmilzt. Der klassischen Erzählung zufolge liege das an dem Umstand, dass die Politik mit dem Thema Migration viel zu lange viel zu lasch umgegangen sei und deshalb die Rechten immer stärker würden. Um sie zu stoppen, müsse die Politik einfach nur viel rigidere Maßnahmen setzen, quasi den Rechten entgegenkommen. Diese These lässt sich mit politikwissenschaftlichen Erkenntnissen klar widerlegen. Die Migrationspolitik ist keinesfalls liberaler geworden, im Gegenteil: Sie lässt an den Außengrenzen abertausende Menschen sterben, sie lässt rechtswidrig push backs durchführen, die zahllosen Rechtsbrüche bleiben defacto konsequenzlos.
Dazu kommt, dass die Brutalisierung an den Grenzen auch nach innen wirkt. Wir gewöhnen uns Schritt für Schritt daran. Und wer jemals geglaubt hat, dass solche Maßnahmen immer nur die Fremden, die Illegalen, die Anderen treffen werden, sieht heute in den USA – Stichwort ICE – wie schnell sich die Brutalität auch gegen die eigene Bevölkerung richten kann. Das Ende der Fahnenstange haben wir längst nicht erreicht.
Soweit der negative Befund. Aber es gibt nie nur den einen gesellschaftlichen Trend. Gerade jetzt sehen wir parallellaufend auch gegenteilige Entwicklungen. Etwa das Erstarken der Sanctuary Cities, also jener Städte und Gemeinden, die sich dazu verpflichten, ihre Kooperation mit dem repressiv agierenden Staat einzuschränken und undokumentierte Migranten nicht an ICE auszuliefern. Oder schauen wir nach Spanien: Dort werden hunderttausende irregulär aufhältige Migranten legalisiert, weil man verstanden hat, dass die Wirtschaft und das Steuersystem sie brauchen.
Eigennutz! Das ist das Stichwort, wenn es darum geht, Einstellungen zu verändern. Ja, die Menschenrechte stehen unter Beschuss, sie werden immer weiter eingeschränkt, sie sind in Gefahr. Aber mit diesem Argument sind Migrations-Skeptiker kaum zu erreichen. Wenn Menschen aber verstehen, dass Arbeitsmärkte Zuwanderung brauchen und dass diese Zuwanderung niemandem etwas wegnimmt, sondern im Gegenteil, uns alle bereichert, dann lassen sich Einstellungen verändern. Die Generation der Boomer kommt langsam in die Phase der Pflegebedürftigkeit. Dieser Bedarf lässt sich ohne Zuwanderung unmöglich decken. Aus dieser Perspektive ist unser Institut an der Wirtschaftsuni genau richtig platziert.
Aber auch persönlich fühle ich mich in dieser Umgebung sehr wohl. Ich wohne in der Nachbarschaft, im wunderbaren Viertel Zwei. Aus unserem Büro im dritten Stock überblicke ich den architektonisch reizvollen Campus und den grünen Prater, wo ich mich oft aufhalte, zum Laufen, Radeln, Picknicken oder meinen Neffen im Kinderwagen vor mich herschiebend. Es ist ein Privileg, hier auch beruflich tätig sein zu dürfen und für eine Arbeit – meistens zumindest – bezahlt zu werden, die ich gerne und mit großer Dankbarkeit mache. Ja, ich habe manchmal lange Tage. 2025 habe ich drei Bücher und zahllose Artikel veröffentlicht, mich habilitiert, ein Institut aufgebaut, zig Interviews gegeben, hunderte Hatemails gelöscht und meinen letzten 30er gefeiert. Stimmt, das ist viel. Aber ich kriege auch sehr viel zurück. Und: Ohne all das wär’s auch irgendwie fad.
Ich bin in Wallern, im Burgenland, an der ungarischen Grenze aufgewachsen, ganz in der Nähe der Brücke von Andau. 1956 sind hier 70.000 Menschen aus Ungarn geflüchtet. Später, da war die Brücke längst gesprengt, sind die Menschen durch den Einser-Kanal geschwommen. Ab 1990 war die Grenze offen, aber es gab Grenzkontrollen mit langen Staus, an die ich mich noch gut erinnern kann. Ab 2004, mit der EU-Osterweiterung, war die Grenze gefühlt „weg“, weil Ungarn damit auch den Schengenraum betrat. All das hat mich geprägt. Ich habe miterlebt, wie sehr sich Grenzen, so hart sie manchmal sein können, auch durch Zufälligkeiten, durch Willkürlichkeiten verändern.
Meine Mutter war Lehrerin, mein Vater hat immer in Wien gearbeitet. Er war und ist klar rechtsorientiert. Wir hatten es nicht immer leicht miteinander. Und auch das hat mich geprägt: Ich war immer herausgefordert, ich musste argumentieren. Wenn ich heute in einer Diskussion meinen Standpunkt formuliere, weiß ich oft schon, was das Gegenargument sein wird – nämlich das, was mein Papa sagen würde. Wenn er zu meinen Lesungen oder Vorträgen kommt, sieht er zwar inhaltlich vieles anders als ich, aber kann trotzdem stolz auf seine Tochter und ihre Karriere sein.
Vielleicht ist es diese Ambiguität und diese Gleichzeitigkeit, die wir als Gesellschaft wieder aushalten lernen müssen. So wie auch andere Meinungen, Erfahrungen und Lebensrealitäten. Es bleibt uns auch nichts anderes übrig, so wir dieser Gesellschaft noch eine Chance auf ein echtes Miteinander einräumen: Wir werden miteinander auskommen müssen. Durchs reine Ab- und Ausgrenzen ist nichts gewonnen, durch radikale Zugewandtheit und wohldosierte Empathie aber schon recht viel.