0
 0,00 EUR 0 Produkte

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

home | Radikale Zugewandtheit
Donnerstag, 22. Januar 2026

Radikale Zugewandtheit

Die Soziologin Judith Kohlenberger, 39, lebt in der Krieau und leitet ein neues Institut an der WU. Dort forscht sie auch, mit welchen Argumenten Migration-Skeptiker erreichbar sind.
Zuletzt geändert am 22. Januar 2026
Foto: ©Christopher Mavric

Eigent­lich bin ich ein sehr lus­ti­ger Mensch, leicht zu unter­hal­ten. Ich lache ger­ne und laut. Aber in der Öffent­lich­keit geht das unter, weil es bei den The­men, zu denen ich arbei­te und rede, wenig zu lachen gibt. Ich habe mich ver­gan­ge­nes Jahr in Sozio­lo­gie habi­li­tiert. Seit 2015 kon­zen­trie­re ich mich aber auf die Flucht- und Migrationsforschung. 

Nach dem Stu­di­en­ab­schluss hat­te ich eigent­lich genug vom Aka­de­mi­schen. Das Ver­fas­sen mei­ner Dis­ser­ta­ti­on war über wei­te Stre­cken ein ein­sa­mes Tun, mei­ne Bücher, mein Com­pu­ter und ich. Ich habe mir des­halb eine Stel­le in der Admi­nis­tra­ti­on der WU Wien gesucht, in der Hoff­nung, dass ich es da wie­der mit Men­schen zu tun habe. Und das hat sich als abso­lu­ter Glücks­fall erwiesen.

Der Demo­graf und dama­li­ge WU-Pro­fes­sor Wolf­gang Lutz hat mich im Som­mer 2015 in sein Team gebe­ten und mit einer Mathe­ma­ti­ke­rin zusam­men­ge­spannt. Wir soll­ten für einen rapid respon­se sur­vey ins Feld gehen und her­aus­fin­den, wer die in die­sem Som­mer zu uns geflüch­te­ten Men­schen eigent­lich sind. Also haben wir die Not­un­ter­künf­te besucht und Men­schen befragt. Das war sehr wert­voll. Einer­seits wur­den dabei vie­le Wis­sens­lü­cken offen­bar – abge­se­hen vom Geburts­jahr und der Natio­na­li­tät die­ser Men­schen wuss­te man kaum etwas über sie. Ande­rer­seits hat sich aus die­sem Impuls die Flucht­for­schung in Öster­reich erst so rich­tig entwickelt.

Zehn Jah­re spä­ter konn­te ich die ers­te ein­schlä­gig fokus­sier­te Ein­rich­tung in Öster­reich mit­be­grün­den, das „For­schungs­in­sti­tut für Migra­ti­ons- und Flucht­for­schung und ‑manage­ment (FORM)“ an der Wirt­schafts­uni­ver­si­tät Wien. Unter mei­ner Lei­tung sind 20 affi­li­ier­te Wissenschafter*innen aus allen mög­li­chen Berei­chen und The­men­fel­dern tätig: Öko­no­mie, Rechts- und Sozi­al­wis­sen­schaf­ten, Kli­ma, Nach­hal­tig­keit, Inter­kul­tu­rel­le Kom­mu­ni­ka­ti­on. Wir set­zen auf inter­dis­zi­pli­nä­res Arbei­ten, fach­li­che und metho­di­sche Exzel­lenz sowie den Aus­tausch mit Stake­hol­dern aus Wirt­schaft, Poli­tik, Ver­wal­tung und Zivilgesellschaft.

Unüber­seh­bar und mess­bar nimmt der sozia­le Zusam­men­halt in unse­ren Gesell­schaf­ten immer wei­ter ab. Die extre­men Enden des Mei­nungs­spek­trums wer­den stär­ker, die Mit­te schmilzt. Der klas­si­schen Erzäh­lung zufol­ge lie­ge das an dem Umstand, dass die Poli­tik mit dem The­ma Migra­ti­on viel zu lan­ge viel zu lasch umge­gan­gen sei und des­halb die Rech­ten immer stär­ker wür­den. Um sie zu stop­pen, müs­se die Poli­tik ein­fach nur viel rigi­de­re Maß­nah­men set­zen, qua­si den Rech­ten ent­ge­gen­kom­men. Die­se The­se lässt sich mit poli­tik­wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­sen klar wider­le­gen. Die Migra­ti­ons­po­li­tik ist kei­nes­falls libe­ra­ler gewor­den, im Gegen­teil: Sie lässt an den Außen­gren­zen aber­tau­sen­de Men­schen ster­ben, sie lässt rechts­wid­rig push backs durch­füh­ren, die zahl­lo­sen Rechts­brü­che blei­ben defac­to konsequenzlos.

Dazu kommt, dass die Bru­ta­li­sie­rung an den Gren­zen auch nach innen wirkt. Wir gewöh­nen uns Schritt für Schritt dar­an. Und wer jemals geglaubt hat, dass sol­che Maß­nah­men immer nur die Frem­den, die Ille­ga­len, die Ande­ren tref­fen wer­den, sieht heu­te in den USA – Stich­wort ICE – wie schnell sich die Bru­ta­li­tät auch gegen die eige­ne Bevöl­ke­rung rich­ten kann. Das Ende der Fah­nen­stan­ge haben wir längst nicht erreicht.

Soweit der nega­ti­ve Befund. Aber es gibt nie nur den einen gesell­schaft­li­chen Trend. Gera­de jetzt sehen wir par­al­lel­lau­fend auch gegen­tei­li­ge Ent­wick­lun­gen. Etwa das Erstar­ken der Sanc­tua­ry Cities, also jener Städ­te und Gemein­den, die sich dazu ver­pflich­ten, ihre Koope­ra­ti­on mit dem repres­siv agie­ren­den Staat ein­zu­schrän­ken und undo­ku­men­tier­te Migran­ten nicht an ICE aus­zu­lie­fern. Oder schau­en wir nach Spa­ni­en: Dort wer­den hun­dert­tau­sen­de irre­gu­lär auf­häl­ti­ge Migran­ten lega­li­siert, weil man ver­stan­den hat, dass die Wirt­schaft und das Steu­er­sys­tem sie brauchen.

Eigen­nutz! Das ist das Stich­wort, wenn es dar­um geht, Ein­stel­lun­gen zu ver­än­dern. Ja, die Men­schen­rech­te ste­hen unter Beschuss, sie wer­den immer wei­ter ein­ge­schränkt, sie sind in Gefahr. Aber mit die­sem Argu­ment sind Migra­ti­ons-Skep­ti­ker kaum zu errei­chen. Wenn Men­schen aber ver­ste­hen, dass Arbeits­märk­te Zuwan­de­rung brau­chen und dass die­se Zuwan­de­rung nie­man­dem etwas weg­nimmt, son­dern im Gegen­teil, uns alle berei­chert, dann las­sen sich Ein­stel­lun­gen ver­än­dern. Die Gene­ra­ti­on der Boo­mer kommt lang­sam in die Pha­se der Pfle­ge­be­dürf­tig­keit. Die­ser Bedarf lässt sich ohne Zuwan­de­rung unmög­lich decken. Aus die­ser Per­spek­ti­ve ist unser Insti­tut an der Wirt­schafts­uni genau rich­tig platziert.

Aber auch per­sön­lich füh­le ich mich in die­ser Umge­bung sehr wohl. Ich woh­ne in der Nach­bar­schaft, im wun­der­ba­ren Vier­tel Zwei. Aus unse­rem Büro im drit­ten Stock über­bli­cke ich den archi­tek­to­nisch reiz­vol­len Cam­pus und den grü­nen Pra­ter, wo ich mich oft auf­hal­te, zum Lau­fen, Radeln, Pick­ni­cken oder mei­nen Nef­fen im Kin­der­wa­gen vor mich her­schie­bend. Es ist ein Pri­vi­leg, hier auch beruf­lich tätig sein zu dür­fen und für eine Arbeit – meis­tens zumin­dest – bezahlt zu wer­den, die ich ger­ne und mit gro­ßer Dank­bar­keit mache. Ja, ich habe manch­mal lan­ge Tage. 2025 habe ich drei Bücher und zahl­lo­se Arti­kel ver­öf­fent­licht, mich habi­li­tiert, ein Insti­tut auf­ge­baut, zig Inter­views gege­ben, hun­der­te Hate­mails gelöscht und mei­nen letz­ten 30er gefei­ert. Stimmt, das ist viel. Aber ich krie­ge auch sehr viel zurück. Und: Ohne all das wär’s auch irgend­wie fad.

Ich bin in Wal­lern, im Bur­gen­land, an der unga­ri­schen Gren­ze auf­ge­wach­sen, ganz in der Nähe der Brü­cke von Andau. 1956 sind hier 70.000 Men­schen aus Ungarn geflüch­tet. Spä­ter, da war die Brü­cke längst gesprengt, sind die Men­schen durch den Ein­ser-Kanal geschwom­men. Ab 1990 war die Gren­ze offen, aber es gab Grenz­kon­trol­len mit lan­gen Staus, an die ich mich noch gut erin­nern kann. Ab 2004, mit der EU-Ost­erwei­te­rung, war die Gren­ze gefühlt „weg“, weil Ungarn damit auch den Schen­gen­raum betrat. All das hat mich geprägt. Ich habe mit­er­lebt, wie sehr sich Gren­zen, so hart sie manch­mal sein kön­nen, auch durch Zufäl­lig­kei­ten, durch Will­kür­lich­kei­ten verändern. 

Mei­ne Mut­ter war Leh­re­rin, mein Vater hat immer in Wien gear­bei­tet. Er war und ist klar rechts­ori­en­tiert. Wir hat­ten es nicht immer leicht mit­ein­an­der. Und auch das hat mich geprägt: Ich war immer her­aus­ge­for­dert, ich muss­te argu­men­tie­ren. Wenn ich heu­te in einer Dis­kus­si­on mei­nen Stand­punkt for­mu­lie­re, weiß ich oft schon, was das Gegen­ar­gu­ment sein wird – näm­lich das, was mein Papa sagen wür­de. Wenn er zu mei­nen Lesun­gen oder Vor­trä­gen kommt, sieht er zwar inhalt­lich vie­les anders als ich, aber kann trotz­dem stolz auf sei­ne Toch­ter und ihre Kar­rie­re sein. 

Viel­leicht ist es die­se Ambi­gui­tät und die­se Gleich­zei­tig­keit, die wir als Gesell­schaft wie­der aus­hal­ten ler­nen müs­sen. So wie auch ande­re Mei­nun­gen, Erfah­run­gen und Lebens­rea­li­tä­ten. Es bleibt uns auch nichts ande­res übrig, so wir die­ser Gesell­schaft noch eine Chan­ce auf ein ech­tes Mit­ein­an­der ein­räu­men: Wir wer­den mit­ein­an­der aus­kom­men müs­sen. Durchs rei­ne Ab- und Aus­gren­zen ist nichts gewon­nen, durch radi­ka­le Zuge­wandt­heit und wohl­do­sier­te Empa­thie aber schon recht viel.

IN: zwi​schen​brue​cken​.at / 20260119
Teilen Sie diesen Beitrag
© 2026 blinklicht media lab
blinklicht medien rat & tat gmbh
Heinestraße 34/1b
1020 Wien
UID: ATU 62892007
FN: 283345i
usercartmagnifiermenu-circlechevron-down-circle
linkedin facebook pinterest youtube rss twitter instagram facebook-blank rss-blank linkedin-blank pinterest youtube twitter instagram