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WIR. HIER UND JETZT. Band I + II

Erscheinungsdatum:

 44,00

Weil heu­te nicht mehr selbst­ver­ständ­lich ist, was einst selbst­ver­ständ­lich schien, ist es ange- bracht, die­se bei­den Bän­de mit die­sem bana­len Satz ein­zu­lei­ten: Flücht­lin­ge sind auch nur Menschen!

Nicht ein­mal in soge­nann­ten christ­lich-demo­kra­ti­schen oder kon­ser­va­tiv-bür­ger­li­chen Par­tei­en wird die unan­tast­ba­re Wür­de des Men­schen (die übri­gens auch kei­ne Ober­gren­zen kennt) noch als Maß­stab der Poli­tik ver­stan­den. Wir erle­ben, wie sich eine Bun­des­re­gie­rung demons­tra­tiv kalt­schnäu­zig auf dem Rücken geflüch­te­ter Men­schen zu pro­fi­lie­ren ver­sucht. Beim Blick nach Deutsch­land sehen wir, wie der Bun­des­mi­nis­ter des Innern (zustän­dig auch „für Bau und Hei­mat“) das von sei­nen öster­rei­chi­schen Freun­den ent­wi­ckel­te Pro­gramm der häss­li­chen Bil­der dort eben­so kalt­schnäu­zig abkup­fert. Wir beob­ach­ten, wie im Nach­bar­land Ungarn die Men­schen­rech­te mit Füßen getre­ten und in Polen die Insti­tu­tio­nen des demo­kra­ti­schen Rechts­staa­tes hand­lungs­un­fä­hig gemacht wer­den, auf dass die Wür­de des Men­schen wie­der antast­bar wer­de. Fast über­all in Euro­pa wer­den Flücht­lin­ge als Wirt­schafts­mi­gran­ten, als Sozi­al­be­trü­ger, als Inva­so­ren, als Flücht­lings­wel­len ent­mensch­licht. Im Mit­tel­meer lässt man sie zu Hun­der­ten und Tau­sen­den ertrin­ken. Groß­räu­mig wer­den mora­li­sche Hemm­schwel­len abge­senkt. Ras­sis­ti­sche Äuße­run­gen und Angrif­fe wer­den häu­fi­ger und auch gedul­det. Seit Rechts­extre­me Ende August in Chem­nitz unter den Augen der Poli­zei Jagd auf Anders­aus­se­hen­de gemacht haben, sieht sich aus­ge­rech­net das vor­geb­li­che Mus­ter­land Euro­pas mit einer Fra­ge kon­fron­tiert, die man in die­sen Brei­ten­gra­den noch im Juli als uner­hört von sich gewie­sen hät­te: „Regiert der Mob?“

Und trotz­dem: Es ist in ers­ter Linie dem Enga­ge­ment der Zivil­ge­sell­schaf­ten unse­rer euro- päi­schen Län­der zu ver­dan­ken, dass viel Gutes geschafft wur­de, seit Ange­la Mer­kel ihr Bon- mot in die Welt gesetzt hat. Vie­les bleibt noch zu tun. Und eini­ges wäre schon erreicht, wenn das wohl­fei­le Geschwur­bel von der „gelun­ge­nen Inte­gra­ti­on“ – der Ein­fach­heit hal­ber ger­ne als Anpas­sung an und Ein­glie­de­rung in die Mehr­heits­ge­sell­schaft ver­stan­den – durch die Erkennt­nis ersetzt wür­de, dass Ein­wan­de­rungs­ge­sell­schaf­ten in dem Maß an Resi­li­enz und Stär­ke gewin­nen, in dem sie Ein­wan­de­rer – egal, ob Migran­tin­nen oder Geflüch­te­te – nicht in ers­ter Linie als pfle­ge- und obsor­ge­be­dürf­ti­ge Objek­te, son­dern als den­ken­de, schaf­fen­de, krea­ti­ve, han­deln­de und somit poli­ti­sche Sub­jek­te akzep­tie­ren. Denn: „Sta­tes make refu­gees, but refu­gees also make states.“ (…)

Über 400 Berich­te sind in die­sen bei­den Bän­den gesam­melt. Jeden die­ser Berich­te hat ein ein­zel­ner Mensch geschrie­ben. Mit einem Stift in einem Heft notiert. Jeder Text steht für einen Men­schen. Jeder Mensch hat sei­ne Geschich­te. Jede Geschich­te ist ein Zeug­nis. Jede Geschich­te beschreibt ein Leben. Jede Geschich­te ist die eines Indi­vi­du­ums. Weit und breit kei­ne Flücht­lings­wel­le. Kein Flücht­lings­strom. Kei­ne Lawi­ne. Kein Tsu­na­mi. Ein­fach ein­zig­ar­ti­ge Men­schen mit ihrer jeweils ein­zig­ar­ti­gen Geschich­te. Wür­de, nicht Masse.

Aus: Eine Ein­füh­rung von Ernst Schmiederer

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