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Irgendwann wieder Fußball spielen

Mojtaba Tavakoli aus dem afghanischen Nala lebt in Mödling.

Ich bin mit meinem Bruder aus Afghanistan weggegangen. Er ist bei der Überfahrt im Meer ertrunken. Ich kam alleine in das Flüchtlingslager Traiskirchen. Seit einem Jahr lebe ich in einem Heim der evangelischen Diakonie in Mödling. Asyl habe ich bisher nicht bekommen, für mich gilt Paragraf 8. Das heißt, dass ich für ein Jahr bleiben darf, dann wird wieder neu entschieden.

Das Heim ist ein großes Haus, mit zehn oder zwölf oder 15 Zimmern. 38 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge leben dort. Sie kommen aus der Mongolei, aus Afghanistan, aus Nigeria und aus dem Kosovo. Ich versuche, mit allen Deutsch zu sprechen. Deutsch ist die Sprache, die ich für meine Zukunft brauche. Wenn einer kein Deutsch versteht, spreche ich Englisch, das habe ich von meinem Bruder gelernt. In der Schule lerne ich außerdem Spanisch. Im Internet lese ich die Nachrichten der BBC am liebsten in Farsi, das ist meiner Muttersprache Dari sehr ähnlich.

Ich liebe Fußball. Jeden Dienstag und Mittwoch schaue ich mir die Spiele der Champions League im Fernsehen an. Bis zum vergangenen Herbst habe ich selbst gespielt, beim 1. SVg Guntramsdorf als Stürmer. Doch am 28. November musste ich operiert werden, weil mein linkes Bein nach einem Unfall in der Kinderheit kurz geblieben ist. Wenn ich sitze, brauche ich einen Rollstuhl, weil das sonst unangenehm ist. Ich kann aber schon wieder gehen, mit Krücken eben. Irgendwann werde ich wieder Fußball spielen können.

Im Heim bekomme ich 40 Euro Taschengeld im Monat. Davon kaufe ich jeden zweiten Tag eine Schuljause. Vor einiger Zeit habe ich von diesem Geld ein Buch gekauft, das ich meinen Freunden gebe, damit sie etwas für mich hinein schreiben. Sehr wichtig für mich sind Marion und Bernhard, meine Paten aus dem Projekt connecting people. Sie holen mich am Wochenende nach Wien und auch wenn ich länger schulfrei habe bin ich bei ihnen. Vor meiner Operation haben wir in Salzburg, in Werfenweng, eine Wanderung durch den Schnee gemacht. Die Berge hier begeistern mich, aber Skifahren möchte ich lieber nicht. Ich bleibe Fußballer.

Was mit meinen Eltern passiert ist, weiß ich nicht. Das Rote Kreuz hat uns vor Kurzem benachrichtigt, dass nicht mehr weiter nach ihnen gesucht wird. Nur von einem Onkel, einem Bruder meiner Mutter, habe ich einen Brief bekommen. Ich weiß nicht, in welchem Land meine Familie jetzt lebt.

Später möchte ich Arzt werden. Oder etwas mit Medikamenten machen. Jedenfalls will ich Menschen helfen, weil ich gesehen habe, wie wichtig es ist, dass einem jemand hilft. Deshalb hoffe ich, dass ich in Österreich bleiben darf. Denn wenn man hier etwas wirklich machen will, dann kann man das auch. Das ist in Afghanistan nicht so.


Anmerkung: Connecting people bringt unbegleitete minderjährige und junge erwachsene Flüchtlinge, die sich alleine, ohne Eltern oder sonstige vertraute erwachsene Bezugspersonen in Österreich aufhalten, mit österreichischen Erwachsenen bzw. schon lange hier lebenden MigrantInnen zusammen. Das Projekt wurde von der asykoordination österreich im Jahr 2001 initiiert.

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ES schreibt. Hier über Ausländer. Also auch über Österreicher im Ausland.

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