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Immer hart am Wind

Angelo Stagno aus Matera lebt in Wien.

Bauen kann jeder. Das sieht man an all den Einfamilienhäusern. Architektur ist aber subtiler und obendrein ein sehr langsames System. Bis neues Denken und innovative Materialien in Bauten umgesetzt werden, vergehen oft Jahrzehnte. Was postmoderne Architekten heute bauen, kommt für meinen Geschmack daher oft zu spät. Man baut mal spitzig und mal kurvig. Man konzentriert sich auf die Formen. Innovationen bei Materialien und Infrastrukturen werden nur selten thematisiert. So ensteht viel langweiliges Zeug, für das große Mengen Energie verschwendet werden.

Ich arbeite seit zehn Jahren am torre del vento, einem Windturm. Der soll am 508 Meter hohen Scheiblingstein an der nordwestlichsten Spitze von Wien stehen. Dort könnte er 230 Meter aufragen, dabei aber 1.500-mal so leicht sein wie ein herkömmliches Hochhaus. Seine 34 Stockwerke sind in 17 Sektoren gefasst, die auf Rollen übereinander geschichtet sind. Der Wind kann das Haus dadurch langsam und harmonisch bewegen, als wäre es eine Fischflosse. Weil das ganze Gebäude 360 Grad um seine Achse drehbar ist, wird es dabei zur Turbine. Es erzeugt mehr Energie, als für seinen Betrieb nötig ist. Betrieben wird es von den atlantischen Luftströmen, die dort oben auf die Stadt treffen. Auf der Donauplatte, wo heute Hochhausarchitektur ensteht, wäre das Gebäude undenkbar, weil der Wienerwald die Stadt vor diesen Strömungen schützt.

Beton, Glas, Stahl – das lasse ich hinter mir. Der Windturm soll aus Materialien bestehen, die in nanotechnologischen Prozeduren gewonnen werden. Ich orientiere mich am Flugzeugbau, wo man schon so arbeitet. Eines Tages wird man auch in der Bauindustrie solche Materialien produzieren. Meine Situation erinnert an das Barock: Damals hat man aus Glas nur optische Linsen gemacht, inzwischen baut man gläserne skyscraper.

Ein Beispiel so einer neuartigen Infrastruktur ist das Projekt „0-24 Licht“, das ich mit Andrea van der Straeten beim Haus der Forschung im neunten Bezirk realisiert habe. Wir haben dort kein elektrisches, sondern ein optisches Beleuchtungssystem gebaut, das eines Tages auch den torre del vento erhellen könnte. Sonnenlicht wird am Dach gesammelt und über Lichtfaserkabel ins Innere des Gebäudes transportiert. Sobald sich eine Wolke vor die Sonne schiebt, kommt weniger Licht ins Gebäude. Die Enden der Kabel kann man selbst bei strahlendem Sonnenschein angreifen: Das Licht ist schön kalt.

Früher war ich Geometer. Als italienischer Beamter habe ich im Tiefbau an Laboratorien für die Nuklearforschung gearbeitet. 1989 habe ich gekündigt und bin nach Österreich gekommen: Ich habe hier Architektur studiert, um eine neue Herausforderung zu finden.

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Mit Genuss und Interesse lese ich Ihre Kolumne in der Zeit, die für mich ein Highlight der Zeit ist.

Ich hatte die Idee, Ihnen jemand für "Drinnen" vorzuschlagen: Mag. Diana Afrashteh - sie arbeitet beim Büro für int. Angelegenheiten der Universität Graz. Sie ist geb. in Sofia (1963), hat eine bulgarische Mutter und einen persischen Vater, ist in mehreren Ländern aufgewachsen: Iran, Bulgarien, Schulbesuch in Schweden. Ihre Muttersprachen sind also Persisch und Bulgarisch, sie spricht noch Schwedisch, Englisch, Französisch, Arabisch. Sie hat eine Übersetzerausbildung absolviert Englisch und Arabisch an der Uni Graz. Sie ist übrigens - nicht verwunderlich - auch ein echter Fan Ihrer Kolumne.

Mit Dank für Ihre Kolumne und besten Grüßen,
Dr. Ernst Fürlinger
Member of Academic Staff
Danube University Krems
Intercultural Studies
ernst.fuerlinger@donau-uni.ac.at
www.donau-uni.ac.at/ikk

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ES schreibt. Hier über Ausländer. Also auch über Österreicher im Ausland.

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