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Stadt der Plakate

Martin Strauß aus Wasserburg am Inn lebt als Künstler in Wien.

Ausgebildet bin ich als Künstler und Philosoph. Obendrein betätige ich mich auch als Autor und mitunter als Dozent an der Uni. Bei alldem beschäftigt mich der öffentliche Raum: Public Art, ein Schlagwort aus den achtziger Jahren, beschreibt gut, was mich umtreibt. Als Künstler finde ich die Nähe zum Publikum natürlich sehr attraktiv. Egal, ob ich einen kleinen Park gestalte oder eine Skulptur in der Stadt platziere – die Menschen sehen meine Arbeit, ohne eine Galerie aufsuchen zu müssen.

Dass ich in Österreich lebe hat mein künstlerisches Aktionsfeld deutlich geprägt: Einerseits wird „öffentliche Kunst“ hier bereits seit den 90er Jahren von den Kulturbehörden gefördert. Das Land Niederösterreich hat da schon früh eine Vorreiterrolle eingenommen. Andererseits konnte ich im Zuge von 15 künstlerischen Großplakataktionen immer auf den Umstand bauen, dass Wien so reich an Plakatflächen ist wie kaum eine andere Stadt.

Reizvoll finde ich das einzigartige Medium Plakat, weil es zwar mitten im öffentlichen Raum steht, aber hauptsächlich kommerziell genutzt wird. Indem man nun diese Plakate mit anderen Inhalten und anderen Formen füllt, lassen sich mit leichter Hand ästhetische Fremdkörper in die Stadt setzen. Und zwar gleich hundert- oder tausendfach. Während der Maler gemeinhin Unikate für den Kunstmarkt produziert, steht mir bei diesen Großplakatkampagnen ein sehr unmittelbares Massenmedium zur Verfügung.

Meist arbeite ich mit anderen Künstlern zusammen, immer mit wechselnden Partnern. Mit einem habe ich die Fassade des Wiener Museums für Angewandte Kunst vorübergehend in einen Sozialbau verwandelt. Mit einem anderen entwickle ich riesige aufblasbare Skulpturen. Vor Kurzem haben wir ein gigantisches Schwimmflügerl aus orangem Plastik in die Stadt gestellt. Anstatt des Markenlogos war darauf ein Schriftzug gedruckt: „Rette sich, wer kann“. Nach einigen Wochen wurde die Luft herausgelassen und die Skulptur abmontiert.

Im Lauf der Jahre habe ich zwar auch eine Reihe von permanenten Arbeiten realisiert. Aber das Temporäre und der Einsatz der dazu passenden Medien und Materialien haben eine große Attraktivität für mich. Stein und Bronze verwende ich eigentlich nie. Schon Robert Musil hat ja behauptet, dass solch eherne Denkmale im Stadtbild gar nicht mehr wahrgenommen werden. Dagegen setze ich darauf, dass meine Objekte aus der Stadt wieder verschwinden, nachdem sie ihre Arbeit getan haben.

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ES schreibt. Hier über Ausländer. Also auch über Österreicher im Ausland.

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