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Kleiner Grenzverkehr

Dagmar Strobl aus Znaim lebt in Retz.

An jenem Tag im November 1989, als sich unsere Grenzen im Zug der Samtenen Revolution öffneten, habe ich mich mit Studienkollegen um sechs Uhr früh auf den Weg gemacht. Wir wollten Bekannte in Österreich besuchen, einkaufen, etwas anschauen. Es war überwältigend, plötzlich in der Märchenwelt dieser großen Kaufhäuser zu stehen. In Znaim mussten wir ja damals zu Weihnachten noch Schlange stehen, um Bananen oder Orangen kaufen zu können. Trotzdem wollte ich nie irgendwo anders leben. Znaim, das ist meine Heimat. Da lebt meine Familie. Da bin ich zuhause.

Obwohl ich seit 16 Jahren in Retz wohne, hat sich daran nichts geändert. Wenn meine Mutter anruft, weil sie einen Schweinsbraten fertig hat, fahre ich einfach die 17 Kilometer zu ihr. Die Beziehung zu einem Retzer hat mich in die Stadt gebracht. Aber ich kann nicht behaupten, dass ich jemals von zuhause weg gegangen wäre. Salzburg oder Graz, das wäre etwas anderes, da wäre ich weit weg. Aber ich hatte immer meine Familie in der Nähe. Mein Sohn Philipp ist in Österreich geboren. Er spricht beide Sprachen fließend.

Weil die Tschechen sportlich viel aktiver sind als die Österreicher, übt Znaim eine große Anziehungskraft auf ihn aus. Dort kann er sechs Monate im Jahr Eis laufen, er kann Tennis, Sqash oder Floorball spielen. Retz ist eine Kleinstadt und kann ihm all das nicht bieten. Viele Menschen leben hier noch sehr zurückgezogen. Viele muss man ständig motivieren, einmal etwas zu unternehmen.

Für mich ist es irrelevant, dass ich heute noch meinen tschechischen Pass habe. Ich bin EU-Bürgerin, so wie ich es auch als Österreicherin wäre. Nur wenn Tschechien gegen Österreich spielt, ob Fußball oder Eishockey, macht die Staatsbürgerschaft einen Unterschied: Ich werde immer zu den Tschechen halten.

Als Juristin kenne ich beide Rechtssysteme. Ich spreche beide Sprachen. Als Retzerin und als Znaimerin bin ich auch mit den Sitten, mit der Mentalität und den Bedürfnissen der beiden Völker vertraut. Im grenzüberschreitenden Arbeiten habe ich dadurch einen Startvorteil. Unsere Beratungsfirma in Retz hilft österreichischen Unternehmern beim Sprung über die Grenze, der ja heute in der Praxis gar nicht mehr so einfach ist, wie er einmal war. Der Markt ist für viele Produkte und Dienstleistungen schon längst gesättigt. Zudem ist es sehr schwer, in Tschechien gut qualifiziertes und zuverlässiges Personal zu finden. Wir helfen, in dem wir Projekte entwickeln, die auf beiden Seiten positive Spuren hinterlassen und auch von der EU gefördert werden.

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ES schreibt. Hier über Ausländer. Also auch über Österreicher im Ausland.

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