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Wien hat den Knoten gelöst

Wolfgang Schönfeld aus Berlin lebt in Wien.

Alles Wesentliche ist in einer Woche im Frühjahr 2004 passiert. Im Winter hatte ich das Firmenkonzept von Eucodis erstmals in Wien vorgestellt. Da waren potentielle Investoren und Projektleiter vom Austria Wirtschaftsservice (AWS) sowie vom Wiener Zentrum für Innovation und Technologie (ZIT) geladen. Zwar freut sich jeder Politiker, wenn er Top-Technologien an seinem Wirtschaftsstandort ansiedeln kann. Aber damals wollte einfach niemand Geld in die Biotechnologie stecken. Ein Jahr lang habe ich quer durch Europa versucht, Finanzierungen und einen Standort für Eucodis zu finden. Bald habe ich gemerkt, dass Wien mit Abstand das pfiffigste, das solideste, das schnellste Paket für uns schnüren würde.

Im Mai 2004 hat sich der Knoten innerhalb weniger Tage gelöst: Kaum war Eucodis in Wien gelandet, wurde uns der erste Preis im Life Science Call des AWS zugesprochen. Das brachte neben 500.000 Euro Startkapital zusätzliche Fördergelder. Zur Verleihung waren Bürgermeister, Presse, Funk und Fernsehen geladen. Bis zu diesem Tag hatte uns niemand gekannt. Mit einem Schlag wusste die ganze Biotech-Szene, wer wir sind. Großartig. Dass darauf unsere Forschungsleiterin Angela Siegling und ihr Team noch in der selben Woche mit dem dritten Platz im Förderwettbewerb „FemPower Vienna 2004“ ausgezeichnet wurden – nun, besser kann es ein junges Unternehmen wohl nicht treffen.

Längst sind wir in Wien heimisch. Wir haben 21 Mitarbeiter hier. Wir konnten weitere Forschungsförderung und Venture Capital bekommen. Und wir haben richtige Einkünfte aus Industriekooperationen. In Summe konnten wir in diesen drei Jahren ungefähr sieben Millionen Euro ausgeben. Dafür erwarten die Investoren aber jedes Jahr 30% Wertsteigerung beim Unternehmen.

Das Risiko ist dabei beträchtlich: Wir entwickeln neue Dinge, von denen heute kein Mensch sagen kann, ob die auch funktionieren werden. Wir konzentrieren uns auf rote und weiße Biotechnologie, also auf Pharmazeutika und Industrieenzyme. In einem Prozess, den wir „directed evolution“ nennen, schaffen wir in fünf Wochen das, wofür die Evolution Millionen Jahre benötigt. Im Ergebnis gibt es dann mehr Nadeln im Heuhaufen – im Idealfall werden unsere Forscher infolgedessen beim Lösen ihrer Aufgaben schneller fündig und Eucodis kann schneller mit neuen Produkten auf den Markt gehen.

Wirklich erfreulich für uns alle war der Start hier in der Stadt: Vom Wiener Zuwandererfonds bekommt man für 300 Euro im Monat ein gepflegtes Zimmer mit Bad, Küche, Bett und einem Kleiderschrank. So konnte jeder von uns in Ruhe Wohnung suchen. In Frankreich, dem Sitz unserer Tochtergesellschaft, müssten wir für so etwas mindestens das Dreifache auslegen.

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ES schreibt. Hier über Ausländer. Also auch über Österreicher im Ausland.

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