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Triestiner Fusionsküche

Tatiana Yael Silla aus Triest lebt als Übersetzerin in Wien.

Die Geschichte der unterschiedlichen Küchen fasziniert mich schon lange. Zum Glück bin ich in Italien mit dieser Vorliebe auch gut aufgehoben. Dort gibt es ja sogar Universitätsprofessoren, deren Hauptthema die Geschichte der Gastronomie ist. Eines Tages habe ich beschlossen, ein Buch über meine Heimatstadt Triest zu schreiben – nun ist ein Kochbuch (Triestiner Kulinarium) daraus geworden. Die Rezepte hatte ich über die Jahre schon angesammelt. So musste ich nur noch ihre Geschichte erzählen. Ein ergiebiges Thema: Triest lebt ja teils von dem Mythos, es sei eine multikulturelle Stadt. Mit der Wirklichkeit hat das wenig zu tun. Die slowenische und die italienische Gemeinde leben ungerührt nebeneinander her und pflegen keinerlei Kontakt. Nur in der Küche, nur am Esstisch ist das Multikulturelle noch Realität.

Die Triestiner Küche ist so interessant, weil sie von verschiedensten Einflüsse geprägt wurde. Sie lebt von griechischen Elementen, von serbischen, ungarischen und tschechischen. Wir Triestiner essen Gulasch, verkochen aber mehr Tomaten, dafür weniger Zwiebel und Paprika. Wir essen Sarde in Saor, die fritierten und marinierten Sardellen. Im Gegensatz zu den Venezianern lassen wir aber Pinienkerne und Rosinen weg. Wir haben eine Sachertorte, die wird mit Mandeln bereitet. Für einen Bolognesen oder einen Römer hat unsere Küche nichts mit Italien zu tun. Sauerkrautsuppe? Das können sich die meisten Italiener gar nicht vorstellen. Triestiner Küche ist eben zuallererst Fusionsküche.

Abgesehen vom Kulinarischen habe ich nie eine gute Beziehung zu Triest gehabt. Ich fahre nur noch hin, um meine Familie zu besuchen oder um Lebensmittel zu kaufen, die ich in Wien nicht bekomme, gute Artischocken oder einen grünen Radicchio. Aber leben möchte ich nicht mehr dort. Triest ist eine sterbende Stadt, die von ihrer geographischen Lage nicht zu profitieren weiß. Im Kopf vieler Triestiner hat der Krieg bis heute kein Ende gefunden. Daran hat auch der Fall des Eisernen Vorhangs nichts geändert.

Ich war froh, als ich mit meinen Mann in der Studienzeit in Wien gelandet bin. Damals konnte ich mir nicht vorstellen, je ohne Meer zu leben. Inzwischen habe ich die Alte Donau entdeckt. Von der Sprache und der Kultur läge mir Frankreich wohl näher. Ich habe Philosophie studiert und übersetze französische Philosphen ins Italienische. Oft habe ich davon geträumt, nach Paris zu ziehen. Aber die Stadt ist zu teuer und zu stressig. Dagegen Wien: Man kann sich einen Abend im Theater oder im Restaurant leisten, die Krankenkasse funktioniert, und die Mieten sind günstig. Außerdem führen die Supermärkte jede Menge italienischer Waren. In Paris habe ich Stunden gebraucht, um riso für mein Risotto zu finden. Warum also sollte ich Wien je wieder verlassen?

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ES schreibt. Hier über Ausländer. Also auch über Österreicher im Ausland.

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