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Palmen und stinkender Tofu

Kristina Hofer aus Linz lebt als Soziologin in Taipei.

Nachdem ich zwei Jahren in Peking studiert hatte, verspürte ich den Drang, mir auch einmal das andere China genauer anzusehen. Der heftige Propagandabeschuss, dem ich als Ausländerin in der Volksrepublik China ausgesetzt war, ist mitunter schon ziemlich anstrengend geworden. Wer das erlebt hat, bemerkt natürlich gleich, dass das politische Klima hier in Taipei wesentlich fortschrittlicher ist. Während es in Peking gang und gäbe ist, Menschen einfach verschwinden zu lassen, weil sie öffentlich protestiert haben, kam es hier rund um den Nationalfeiertag im Oktober zu heftigen Protesten gegen die Regierung. Sogar die Präsidentenresidenz wurde belagert. Als ich das erste Mal in der U-Bahn eine Antiregierungsdemo erlebt habe, bin ich in Panik geraten. Ich war mir in diesem Augenblick noch gar nicht so richtig bewusst, dass ich jetzt nicht mehr in Peking war und so eine Protestkundgebung daher einigermaßen unproblematisch ist. Jedenfalls bin ich sicherheitshalber drei Stationen vor meinem Ziel ausgestiegen – nassgeschwitzt und obendrein irritiert über meine blöde Angst.

Dass ich jetzt in Taipei im Rahmen eines Postgraduate-Studiums Cultural Studies und Amerikanische Literatur studieren kann, bringt mir einen doppelten Vorteil: Einerseits werden meine Chinesischkenntnisse aufpoliert, andererseits erweitert sich mein Fachwissen. Dem Studium kann ich mich hier ziemlich intensiv widmen, was ich sehr genieße. In meinen früheren Studienjahren habe ich nebenbei immer irgendwo gearbeitet, als Kellnerin, als Englischlehrerin, als Psychogeografin, die auf eine neue Art und Weise die Unebenheiten der Gesellschaft erforschen will. Jetzt sitze ich den ganzen Tag und einen guten Teil der Nacht nur über Büchern oder schreibe Aufsätze. Diese Existenz ist fast ein bissl streberhaft. Manchmal denke ich sogar: unsympathisch.

Taipei gefällt mir gut. Die Stadt ist viel tropischer, als ich gedacht hätte. Überall gibt es Palmen und daher kein Herbstlaub auf den Straßen. Meine Mitbewohnerinnern – ich bin ja die einzige Ausländerin in meinem Universitätslehrgang - halten mich manchmal für verrückt, weil ich bei 22 Grad Celsius noch immer in Flipflopgs und T-Shirt ausgehe, auch nachts. Was ich ganz und gar nicht vertrage, ist dieser Stinke-Tofu. Der heißt in der wörtlichen Übersetzung wirklich so und macht seinem Namen alle Ehre. Man kann das Zeug an jeder Straßenecke kaufen, es gilt als Delikatesse. Mich erinnert es in Geruch und Geschmack immer an die Reste, die man sich mit der Zahnseide aus dem Gebiss holt.

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ES schreibt. Hier über Ausländer. Also auch über Österreicher im Ausland.

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