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Privatunterricht zahlt der Staat

Cecilie Foldal aus Volda lebt in Wien.

Ich komme aus Volda, einer Kleinstadt mit 8000 Einwohnern, zwischen Trondheim und Bergen an der Küste gelegen. Täglich besuche ich eine Website, die von einem Tierarzt meiner Heimatstadt (www.voldaveiret.no) betrieben wird. Der Mann fotografiert Fjordlandschaften und Wetterstimmungen in seiner Umgebung. Daran kann ich gut ablesen, wie es den Menschen, die ich dort kenne, gerade geht. Im Moment haben sie zwar viel grauen Himmel und Schneeregen. Aber in zwei, drei Wochen wird es in Volda wieder heller und freundlicher werden.

Eigentlich wollte ich Lehrerin werden. Ein Jahr habe ich an einer Dorfschule in Norwegen unterrichtet. Dann ist unser Sohn Anders zur Welt gekommen. Seither lebe ich mit meinem Mann in Wien. Anders ist jetzt sieben Jahre alt. Sein Bruder Oskar vier. Weil wir nicht verheiratet waren, sind beide Norweger. Sie haben Anspruch auf die österreichische Staatsbürgerschaft. Aber Österreich gewährt ihnen keine Doppelstaatsbürgerschaft. Mit 21 Jahren werden sie sich also entscheiden müssen, ob sie ihre Leben als österreicher oder als Norwerger fortsetzen wollen.

Der norwegische Staat fördert seine Kinder im Ausland finanziell: Seit Anders zur Schule geht, unterrichte ich ihn zwei Stunden pro Woche daheim in Heimatkunde, norwegischer Sprache und Religion. Als Unterstützung bekomme ich pro Stunde umgerechnet etwa 30 Euro. Davon kaufen wir die teuren norwegischen Lehrbücher und andere Unterrichtsmaterialien, die man sich in Norwegen einfach in der örtlichen Bibliothek ausleihen könnte. Jedes Jahr muß man einen Lehrplan vorlegen und immer gewahr sein, dass der Lernerfolg eines Tages womöglich überprüft wird. Zehn Schuljahre lang wird diese Hilfe gewährt. Ich überlege, künftig vielleicht eine kleine Gruppe von norwegischen Kindern zusammen zu unterrichten, weil das sicher allen auch viel mehr Spaß bereiten würde.

Jetzt, wo die Kinder tagsüber aus dem Haus sind, habe ich Zeit für mich. Ein Jahr lang habe ich überlegt, was ich machen will. Auf einem Zettel habe ich in dieser Zeit 40 Berufs- und Ausbildungswege gelistet. Filmemacherin, Krankenschwester, Biologin, Archäologin. Schließlich habe ich mich für ein Studium der Agrarwissenschaft an der an der Universität für Bodenkultur entschieden, weil ich einer Kindheitsillusion folgen will: Unsere Gesellschaft muss stärker im Einklang mit der Natur leben, muss bescheidener werden. Wir können doch unsere kleine Erde nicht einfach kaputt machen. Also werde ich eines Tages im Naturschutz oder an der Ressourenverteilung arbeiten. Vielleicht in der Dritten Welt. Oder auch weit im Norden von Norwegen. Als Kind habe ich dort ein paar Jahre verbracht. Und seither fasziniert mich diese Gegend. Das Licht. Die Natur. Das ist etwas ganz Besonderes.

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ES schreibt. Hier über Ausländer. Also auch über Österreicher im Ausland.

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