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Der Tote im Müll

Zoran D. aus Kladovo starb in Wien.

An einem klirrend kalten Vormittag im Jänner dieses Jahres werden die sterblichen Überreste von Zoran D. für ihre letzte Reise vorbereitet. Ein silbergrauer Mercedes Kombi des serbischen Leichentransportunternehmens Drnda International parkt in der Einfahrt des gerichtsmedizinischen Instituts in der Wiener Sensengasse.

Im kahlen Hof des Gebäudes friert eine Hand voll von Menschen und wartet darauf, Abschied zu nehmen. Slobodan »Bobby« Stojadinovic, und sein Stiefsohn Robert »Robby« Beric sind gekommen, zwei serbische Gastwirte, die mit Zoran eng befreundet waren. Auch Sali ist erschienen, der bullige Wirt des Café Victoria, jenes Nachtcafés in der Klosterneuburger Straße in der Brigittenau, in dem Zoran drei Wochen zuvor das letzte Mal lebend gesehen worden war. Zorans Schwager, der Elektriker Dragan Mndrucic, wird den Leichnam in die gemeinsame Heimat, in die kleine ostserbische Grenzstadt Kladovo an der Donau, begleiten. Olga Stojkovic, die Schwiegermutter des Verstorbenen, wacht mit einer roten Kerze in den Händen an der Heckklappe des Bestattungsfahrzeuges. Sie schluchzt laut, klagt, weint. Vor 15 Jahren hatte sie Zoran durch die Grenzkontrollen der serbischen Streitkräfte nach Wien geschmuggelt, damit man ihn damals nicht als Rekrut zu der Bürgerkriegsarmee des untergehenden Jugoslawien einziehen konnte.

In der Leichenhalle des gerichtsmedizinischen Institutes riecht es nach Chemie und Tod. Hartes Neonlicht füllt den Raum, zahlreiche offene Särge harren ihrer Verwendung.Der Leichnam von Zoran D. wird in einen Zinksarg gehoben, der passgenau wie bei einer russischen Puppe in einem schneeweiß lackierten Holzsarg steckt. Mit geübten Handgriffen lötet der Chauffeur des serbischen Leichentransporters einen Zinkdeckel über den Toten. Ein Sichtfenster gibt einen Blick frei auf dessen Antlitz. Drei Männer wagen einen letzten Blick.

»Ich erkenne ihn nicht«, sagt Bobby. »Das ist nicht Zoran!«

Sali schüttelt den Kopf: »Wie schaut der aus? Der Kopf, so schwarz.«

Auch Robby, für den Zoran wie ein älterer Bruder war, schreckt zurück: »Doch. Die Lippen. Die erkenne ich. Was haben sie mit ihm gemacht?«


Am 22. Dezember 2005 wird Chefinspektor Adolf Fleischhacker vom Referat für Kapitalverbrechen der Wiener Polizei gegen 18.15 Uhr zu einer »bedenklichen Leiche« nach Floridsdorf gerufen. Vier Mann fahren los. An ihrem Ziel angelangt, erheben sie den Tatbestand und klären Identität und Nationalität des Toten. Sie benachrichtigen die geschiedene Ehefrau. Bestellen den Leichenabholdienst. Bei der Leiche von Zoran D. findet die Kriminalpolizei eine Geldbörse. Kein Euro und kein Cent befinden sich darin. Nur ein Kinderfoto seines Sohnes, eine Aufenthaltsgenehmigung, die 2013 abläuft, ein paar Visitenkarten von Lokalen, die ihre Atmosphäre schon im Namen tragen, und eine Kontokarte der Bank Austria. Als Zoran stirbt, steht das Konto in Auflösung und eine »Negativ-Meldung« scheint auf: Nach Klage, Exekution und Zwangsvollstreckung wird vor der Mittellosigkeit des Kunden gewarnt.

Bereits um Mitternacht wird der Leichnam obduziert, anschließend Fremdverschulden ausgeschlossen. »Es war ein blöder Unfall«, sagt Chefinspektor Fleischhacker. »Außerdem war Alkohol im Spiel.« Bemerkenswert an diesem Einsatz sei lediglich, dass dies »vermutlich europaweit der erste Todesfall dieser Art« gewesen sei. Die Akte Zoran D., Aktennummer 6KR/406265/2005, kann in den folgenden Tagen rasch wieder geschlossen werden. Zweifel bleiben bei den Ermittlern keine zurück.

Zoran D. ist der Tote aus dem Altpapiercontainer, von dem am Heiligen Abend des vergangenen Jahres kurz die Lokalseiten der Zeitungen erzählt haben. Mann hilflos in Müllauto zerquetscht, meldete etwa der Kurier. Der Arbeits- und Obdachlose, ein 34-jähriger Serbe, habe seinen Rausch in dieser kalten Nacht in einem Abfallbehälter ausgeschlafen, sei morgens in einen Transporter der Müllreinigung gekippt und in dessen Bauch von der hydraulischen Presse erdrückt worden. Seine Leiche sei erst später auf einem Förderband der Papiersortieranlage entdeckt worden. Ein tragischer Unfall eben, der einen der 500 bis 700 Namenlosen ereilte, die auch im Winter auf Wiens Straßen ihr Dasein fristen. Dieses Schicksal aus der Gosse passte natürlich schlecht zur festlichen Stimmung dieser Tage und verschwand auch sofort wieder aus den Nachrichten. Lediglich Vesti, die größte Zeitung für die weltweit verstreute Gemeinde der Exilserben, korrigierte wenige Tage später den Wissensstand über den Unglücksfall: »Wiener Zeitungen haben Zoran fälschlich als Obdachlosen bezeichnet. Das war er sicher nicht.«


»Warum sollte Zoran in einem Papiercontainer schlafen?« Monika, die rumänische Kellnerin im Café Lambada auf der Klosterneuburger Straße versteht die Welt nicht mehr. Auch hier hatte Zoran in seiner Unglücksnacht noch Station gemacht bevor er in das Café Victoria, wo er zuletzt gesehen wurde, ein paar Blocks weiter zog.

Monika ist jung. Sie hat rot gefärbte Haare, trägt rosa Schuhe und einen knappen rosa Pulli. Vorn zeigt sie Bauch, hinten wächst eine Tätowierung aus der Hose. Zoran war mehr als ein Stammgast in ihrem kleinen Reich. »Ein enger Freund«, sagt Monika. »Er hat sich um mich gekümmert.« Sie holt Fotos hervor, aufgenommen nur kurz vor Zorans Tod. Sie zeigen die beiden, wie sie in trauter Zweisamkeit vor der Theke posieren, die Daumen optimistisch nach oben gestreckt: fröhliche Menschen in einem Ambiente, das stolz ist auf seinen blitzenden Vorstadtschick. Und sie zeigen einen dicken Schlüsselbund, der an der Gürtelschlaufe von Zorans Jeans baumelt. »Er hatte mindestens 20 Schlüssel von allen möglichen Lokalen, der musste nicht im Freien schlafen«, erklärt Monika. Einer davon hätte Zoran auch die Wohnung mit der Türnummer 30 gleich über dem Lambada geöffnet. Zuletzt sei er damit beschäftigt gewesen, diese Wohnung, in der er sogar früher einmal gemeldet gewesen war, zu renovieren. Manchmal, erzählt Monika, habe Zoran, wenn es spät wurde, auch auf einer Sitzbank gleich neben der Bar geschlafen. Oder weiter hinten, auf dem Billardtisch. Er sei einfach immer da gewesen. Sogar seine Mutter habe bis zu drei Mal die Woche aus Kladovo im Lambada angerufen, um ihren Sohn zu sprechen. »Wann kommst du nach Hause?«, fragte sie immer wieder. Zu Weihnachten, versprach Zoran, würde er sich zum ersten Mal seit fünf Jahren endlich wieder auf die Reise in die Heimat begeben. Allen Freunden und Bekannten erzählte er davon. Der Besuch bei den Eltern war fix beschlossen.


Als Zoran 1991 in Wien eintrifft, erwartet ihn ein enges soziales Netz. Da sind vor allem seine Frau und seine Schwiegereltern, die Zoran in ihre Obhut nehmen. Die Familie Stojkovic gehört zur ersten Gastarbeitergeneration, die schon vor Jahrzehnten in Wien sesshaft geworden ist, aber zugleich nie die Verbindung in die alte Heimat abreißen ließ. Regelmäßig reiste die Familie zu ihrem Haus in Kladovo, besuchte Freunde und Verwandte. Während einer dieser Aufenthalte hatte Zoran seine Frau Silvija kennen gelernt. Ihre Hochzeit war ein großes Ereignis in der kleinen Stadt. Zwar hätte das Paar lieber in Wien geheiratet, doch Reisedokumente für die vielen Gäste aufzutreiben war natürlich unmöglich. Dann brach der Krieg aus, und nur knapp entkam ihm Zoran.

Und da ist in Wien auch sein Schwager Dragan, dessen Bruder mit Zorans Schwester verheiratet ist und in Detroit lebt. Dragan, heute ein drahtiger Mann Ende der 30, war bereits in den Jahren vor dem jugoslawischen Bürgerkrieg als Student nach Wien gekommen und als Gastarbeiter geblieben. Tagsüber arbeitete er für ein Elektrounternehmen, nachts als Türsteher vor der Rotenturm Bar in der City. Als die Familie ihn bat, sich um den Neuankömmling aus Kladovo zu kümmern, nahm Dragan seinen Schwager bereitwillig unter die Fittiche. Zoran wurde sein Assistent. »Er hat zwar aus der Elektrofachschule gewusst, was Strom ist«, erinnert sich Dragan, »aber wie man in Österreich arbeitet, das habe ich ihm erst beibringen müssen.« Die beiden montieren gemeinsam Elektrogeräte und teilen die Trinkgelder. Bald darf Zoran hin und wieder auch anstelle seines Schwagers vor der Rotenturm Bar kobern und Gäste in das schummrige Etablissement locken. Dragan merkt aber schnell, dass auf seinen Schützling ernste Probleme zukommen. Während er diszipliniert Schritt um Schritt eine Existenz für sich und seine Familie aufbaut, galoppiert Zoran sprunghaft wie ein junges Pferd durch die Stadt. Er verzettelt sich, will mit allen gut Freund sein und stolpert doch immer wieder über seine Bindungsunfähigkeit.

Im Nachtrevier der Rotenturm Bar hat Zoran sich mit Herrn Ernst angefreundet, einem Kellner, der in der Rotlichtszene gut vernetzt ist. Er nennt ihn »Papa«. Als sich der väterliche Freund nach einigen Jahren am Gürtel mit einem eigenen Nightclub, der Senat Bar, selbstständig macht, zieht Zoran mit ihm. Herr Ernst will den jungen Springinsfeld bei sich als Hauselektriker einstellen, doch Zoran entzieht sich dem Arbeitsverhältnis mit Sozialversicherung und Steuernummer. Er driftet lieber unstet durch die Welt der Glücksritter, die ihr Geld rund um die Geisterstunde verdienen und wieder ausgeben und spinnt über die Jahre ein Geflecht von Bekanntschaften, Jobs und Lokalen, in denen er Wohnrecht genießt. »Da hinten hat er oft gelegen«, erinnert sich »Papa« Ernst, der als Pensionist heute Strickjacke trägt und zeigt in der Senat Bar zum Eingang zu den Séparées. Wenn kein Betrieb mehr war in dem trüben Schuppen, übernachtete Zoran gern in der Koje für das schnelle Gürtel-Glück: ein Bett, eine Dusche und ein Schild der Bundeswirtschaftskammer, auf dem »An Jugendliche wird kein Alkohol ausgeschenkt« steht.

Ruhelos navigiert Zoran durch die einwandererstarken Bezirke Rudolfsheim-Fünfhaus und Brigittenau. 80000 Serben leben mit gültiger Aufenthaltsgenehmigung in Wien, die meisten von ihnen in einer Art fusion world. Hier wird Serbisch, Kroatisch oder Rumänisch gesprochen, auch wenn man schon seit drei oder vier Jahrzehnten in Wien ansässig ist und flüssiges Jugodeutsch beherrscht. Eine Welt, in der gegessen, getrunken und gefeiert wird wie daheim in Serbien und Kroatien und in der die ethnische Zugehörigkeit häufig die Freundschaftsbande definiert. Eine Welt, in der die Menschen oft schon seit 40 Jahren ihren serbischen Reisepass und eine österreichische Niederlassungsbewilligung bei sich tragen. Es ist eine Welt mit einem weit ausgebreiteten Gefühlshorizont und mit engen Grenzen. Weit über sein Klein-Kladovo ist Zoran zeit seines Lebens nicht hinausgekommen.


Die Fixpunkte in diesem Universum sind Vorstadtcafés, Nachtbars und Gaststätten, die Lambada und Victoria, Galaxie, Modena, Senat Bar oder Pour Platin heißen. Ein System gegenseitiger Abhängigkeiten, in dem sich Zoran einrichtet und dauerhaft ein Dutzend Kunden betreut.

»Zocki war der Beste«, schwärmt der Sibo Kahrovic, der bosnische Wirt im Galaxie auf der Märzstraße in Rudolfsheim-Fünfhaus. Zoran hörte auf jede Menge Spitznamen. »Zocki« eben, oder »Struja«, Strom. Oder »Tesla«, nach jenem serbischen Elektroingenieur und Pionier der Wechselstromnutzung, der den ersten Radiosender und die erste Fernsteuerung entwickelt hat. Auch im Galaxie, laut Restaurantkritik ein »Tempel, der südöstlichen Grillkultur geweiht«, kümmerte sich Zoran um die Elektrik. »Hier liegen noch 100 Meter Kabel für die Alarmanlage«, sagt Herr Kahrovic, »die konnte Zocki nicht mehr fertig machen.«

Für Nachtlokalbesitzer installiert Zoran D. in all den Jahren Klimaanlagen, Kühlschränke oder rote Laternen und baut in ihre Schlitten Autoradios ein. In serbischen, bosnischen oder sonst dem Flair des Balkan verpflichteten Cafés rüstet er die TV-Satellitenanlagen hoch, montiert Flachbildschirme und Lautsprecher. Speise- und Tanzlokale, die von Geschäftsleuten aus dem ehemaligen Jugoslawien geführt werden, sichert er mit Alarmsystemen. Er wartet die Elektrogeräte, repariert Geschirrspüler und bessert die Abluftanlagen nach. Überall vertraut man ihm. Die Schlüssel, die an seinem Hosengürtel baumeln, öffnen ihm jederzeit Hinterzimmer, Séparées, Nebenräume und Kellerlokale. Als Elektriker ebenso unzuverlässig wie begabt, bindet dieses Vertrauensverhältnis Zoran enger an jene, die ihm ihre Schlüssel überlassen, als an seine eigene Familie.

Die Beziehung zu seinem Schwager Dragan leidet indes. Zoran bleibt Geld schuldig. Schämt sich. Bleibt Elektromaterial schuldig. Schämt sich mehr. Entzieht sich. »Gemma arbeiten, Zoran«, versucht Dragan seinen Schwager Beine zu machen. 30 oder 40 Euro in der Stunde im Pfusch wären doch leicht verdientes Geld. »Aber er wollte nicht.« Irgendwann gibt Dragan die fruchtlosen Appelle auf.

Über seine Familie spricht Zoran mit seinen neuen Freunden kaum. Dass er einen Sohn hat, wissen viele Bekannte bis zuletzt nicht. Es spricht sich herum, dass eines Tages Zorans Ehe den nächtlichen Eskapaden nicht mehr standhält und geschieden wird. »Er hat halt sein Leben mit vielen unkorrekten Sachen beschwert«, klagt Schwiegermutter Olga. Er habe begonnen, mehr und mehr zu trinken, habe die falschen Leute kennen gelernt. »Es war schlimm«, erzählt die kleine, mollige Frau. »Einmal haben ihn Männer bewusstlos geschlagen und meiner Tochter vor die Tür gelegt.«

Seit 35 Jahren lebt Olga Stojkovic in Wien. Sie spricht flüssig gebrochenes Deutsch. In ihrer Zimmer-Küche-Wohnung im Parterre eines Hauses in Gürtel-Nähe und nebenan in der Wohnung ihrer Tochter hat sie vergeblich nach einem Foto ihres Schwiegersohns gesucht. »Er hat alles mitgenommen. Die Kinderbilder meiner Tochter, die Bilder seiner Familie, die Fotos seines Sohnes, die Bilder von ihm selbst.« Sie hat keine Ahnung, wo all diese Erinnerungsstücke geendet sein mögen. Verschollen. Ihr bleibt nur der Schmerz darüber, dass neben der Gedenkkerze auf der Kredenz nicht einmal ein Passbild an Zoran erinnert.

Olga hat ihren Schwiegersohn geliebt. Und gehasst. Jetzt hat sie sein Tod, den sie sich nicht erklären kann, krank gemacht. Sie weint. Und sie schimpft. Allzu leicht habe man sich sein schlimmes Ende plausibel machen wollen. »Ich glaube nicht, dass Zoran von alleine in diesem Papierkübel gelandet ist«, sagt sie. »Der hat sicher jemandem Geld geschuldet.«


Altpapier wird in kleinen und großen Containern gesammelt. Die kleinen fassen 270 Liter, ein erwachsener Mensch passt dort nicht hinein. Die 770-Liter-Modelle sind an der Deckelunterkante 1,29 Meter hoch, etwa 0,8 Meter tief und 1,25 Meter breit. »Aufgrund dieser Maße wäre es also denkbar, dass jemand da drin liegt«, meint Hans-Jörg Zerz von der MA48, der städtischen Müllabfuhr. Wie dieser Mensch allerdings in den Behälter gelangt, bleibt offen: Da die Container gebrauchsüblich mit vier Rollen und einem Deckel ausgestattet sind, kippen sie leicht, wenn man sich von vorn auf sie stützt. Schwierig, das Gleichgewicht zu bewahren. Zumal in alkoholisiertem Zustand.

An Donnerstagen, also auch an jenem 22. Dezember, werden rund um die Klosterneuburger Straße zwischen 6 und 14.00 Uhr etwa 500 Altpapierbehälter entleert. Darunter 129 große. Zwei Mal fährt der Sammelwagen in dieser Zeit zum Entladen zu der Sortieranlage.

Gegen 8.30 Uhr hält der orangefarbene Transporter der MA48 vor dem Café Victoria. Aus dem Nachbarhaus hat der »Vorausgeher« zwanzig Minuten zuvor drei große, grüne Altpapiercontainer gezerrt, die in der beißenden Kälte darauf warten, entleert zu werden. Nun rumpelt der »Kipper« einen Container nach dem anderen über die Gehsteigkante zum Hebelift des Müllwagens und lässt den Inhalt per Knopfdruck in die Lademulde des Fahrzeugs kippen. »Wenn ich in diesem Moment einen höre, kann ich noch auf Stopp drücken«, erklärt der Kipper der Entleerungstour 708: »Aber wenn einer unter lauter Kartons liegt, hört man bei dem Lärm eh nichts mehr.«

Am 22. Dezember hören die Männer von der MA48 kein ungewöhnliches Geräusch. Bloß das Knirschen und Rattern der hydraulischen Plattenpresse, Modell Variopress: Eine wagenbreite Metallplatte schiebt den Müll aus der Lademulde tiefer in den Bauch des Fahrzeugs und komprimiert ihn mit einem Druck von 270 Bar auf ein Viertel seines ursprünglichen Volumens. So beendete Zoran D. sein Leben. Unter dem hundertfachen Druck eines Autoreifens.

In den letzten Jahren seines Lebens bildet Zoran D. mit Robby Beric ein verschworenes Duo. Fast täglich stecken die beiden zusammen. Robby und sein Stiefvater Bobby Stojadinovic führen zwei Lokale, das Stammhaus Lambada auf der Klosterneuburger Straße und die Pizzeria Modena im 3. Bezirk. Sie bedeutet für die sozialen Aufsteiger dem ehemaligen Jugoslawien einen Schritt hinaus aus dem ethnischen Geviert. In ihrem neuen Lokal sprechen sie meist Italienisch, damit die Gäste an das authentische Kolorit des Hauses glauben sollen.

Die Familie hat es geschafft, das Inseldasein hinter sich gelassen und sich einen eigenen Platz im kulturellen Gemisch von Wien erobert. Und sie bietet Zoran ein neues Daheim. »Meine Mutter hat gesagt: Bleib bei uns«, erinnert sich Robby. »Aber er hat Angst vor Bindungen gehabt, vor dem organisierten Leben.«

Auch in der Pizzeria Modena legt Zoran Elektroleitungen und montiert Lampen. Auch dort verfügt er über eine Schlafstelle mit dazugehörigem Schlüssel. Doch tagelang taucht er ab, verschwindet und ist plötzlich wieder da.

Die beiden Freunde quatschen viel. Über Zukunftspläne etwa. Zoran erzählt, er möchte zu seiner Schwester nach Amerika weiterziehen. Oder nach Kuba. »Aber er hat nicht gespart, hat locker gelebt. Zu beneiden war er nicht«, sagt Robby.

Eines Tages, im Sommer des vergangenen Jahres, taucht Zoran mit einer Halskette auf, an der ein afrikanisches Amulett hängt. Seine neue Freundin habe es ihm geschenkt, erzählt er, sie sei Afrikanerin, und sie sei seine Zukunft. Auch zu ihrer Wohnung im 9. Bezirk, nur eine Donaukanalbrücke vom Café Lambada und Café Victoria, den letzten Stationen seines Lebens, entfernt, habe er einen Schlüssel besessen, behauptet Robby. Ab und zu tauchen die beiden auch in Zorans Stammlokalen auf, ein ungewöhnlicher Anblick, der sich einprägt. In Zorans Bekanntenkreis macht die Geschichte schnell die Runde: Sie sei schön, reich, berühmt und habe sogar Bücher geschrieben, die man in einem Shop der Lugner City kaufen könne und die von weiblicher Genitalverstümmelung handeln. Noch heute sind Zorans Vertraute davon überzeugt, auf dem Schutzumschlag von Schmerzenskinder in der Autorin Waris Dirie die letzte Flamme ihres Freundes wiedererkennen zu können. »Ja, das ist die Frau«, sagt Robbys Schwester Tina. Unentwegt habe Zoran über seine geheimnisvolle Liebe gesprochen. »Ihr werdet sehen, ich werde einmal Millionen haben«, ließ er alle wissen.

Die UN-Sonderbotschafterin und Bestsellerautorin Waris Dirie ist viel in der ganzen Welt unterwegs. Es dauert daher lange, bis ihr Manager schließlich mitteilt: »Frau Dirie sagt, sie kenne diesen Mann nicht.«

An seinem letzten Lebendsabend sitzt Zoran D. gegen Mitternacht noch im Café Lambada und trinkt eine Tasse Kaffee. Bobby, der Lokalbesitzer, drückt dem engen Familienfreund 50 Euro in die Hand, eine kleine Geste, wie sie unter den beiden üblich war. »Wirst trinken heute?«, fragt er Zoran. »Na, nix, hat er gesagt.« Mit den 50 Euro, die er gerade zugesteckt bekommen hat, füttert Zoran die Glücksspielautomaten und gewinnt 150 Euro. Von seinem Gewinn legt er der Nachtkellnerin zehn Euro auf die Theke. »Schöne Weihnachten, Schatzi«, verabschiedet er sich und zieht weiter die Klosterneuburger Straße entlang ins nahe Café Victoria. Als er Stunden später, gegen 4.30 Uhr, den Laden wieder verlässt, ist Zoran nicht mehr ganz nüchtern. Allzu viel habe er aber nicht getrunken, erinnert sich Sali, der Cafébesitzer, an seinen Freund. 30 oder höchstens 40 Euro habe die Zeche ausgemacht, kein Grund zur Sorge.

Dann verliert sich die Spur von Zoran D. in der Nacht.

Auffällig sei bloß, sagt Sali, der letzte Zeuge, der Zoran lebendig sah, dass sein berühmter Schlüsselbund bis heute verschollen ist.


Eine Bezirkspartnerschaft verbindet Floridsdorf mit dem District Katsushika in Tokyo. Deshalb heißt die Straße, wo man bei McDonald’s in die Steinheilgasse abbiegt, Katsushika Straße. Zorans Schwager Dragan hat sich dort, an der Peripherie von Wien, in jahrelanger Kleinarbeit ein Einfamilienhaus gebaut, in das er mit seiner Familie im September des vergangenen Jahres einzog. Die Caritas unterhält ein Lager für Sachspenden in der Nachbarschaft, die Shell Austria AG einen Betriebssportverein, die Post ihr Postzentrum Wien Nord, und die Firma Bunzl & Biach betreibt in der Steinheilgasse 5–7 eine Papiersortieranlage.

Zu den aufkommensstarken Zeiten rund um Weihnachten wird die 60-köpfige Stammbelegschaft von Leiharbeitskräften verstärkt. Bis zu hundert Lkw-Ladungen Altpapier werden an solchen Tagen angeliefert. So kommt es, dass Selim Kas, den die EPC-Personalleasing vermittelt hat, an jenem 22. Dezember vor einem Jahr noch gegen 17.00 Uhr an der Sortiermaschine steht. Ein riesiger Caterpillar schaufelt den Papierabfall vor die Anlage. Über ein Förderband gelangen die gepressten Haufen zu einem Rüttelsieb. Leichte Papierfetzen werden dort von schwerem Karton getrennt. Ein Low-Tech-Unternehmen: Was vorn reingeht, kommt hinten, in zwei Haufen geteilt, wieder heraus, wird zu Ballen gepresst und zum Recycling abtransportiert.

Mit einem Mal stoppt das Förderband. Der fünfte der sechs Sektoren der Maschine blockiert, was um diese Jahreszeit, zu der oft nasser Karton die Anlage verklebt, nicht ungewöhnlich ist. Selim Kas klettert auf das Gerüst und schiebt den schweren Plastikvorhang zur Seite.

Der Tote liegt auf dem Rücken. Selim Kas sieht dunkelblaue Flecken am Rücken. »Es war der größte Schock in meinem Leben«, erzählt er Wochen später in der Kantine. »Ausgerechnet ich. Hier arbeiten nur Jugoslawen. Ich bin der einzige Türke.«

Auch die Fotodokumentation, die der Gerichtsmediziner Christian Reiter für den Akt zu dem Fall Zoran D. angelegt hat, beginnt mit den Bildern 1 und 2 bei den Papierbergen in der Anlage von Bunzl & Biach. Bilder 8 und 9 zeigen das Transportband, auf dem Zorans Leichnam gefunden wurde. »Ich war mir im ersten Moment nicht sicher, was passiert war«, berichtet Reiter. »Die Polizisten haben nur gesagt: Jö, schaut der grausig aus.« Der Tote trägt Trussardi-Jeans und einen dunklen Pullover, auf dem ein ehedem weißer Adler auf der Brust vom Blut schwarz getränkt ist.

Bild 15 und 16: »Hier sehen Sie den Blutstau im Kopf. Ich habe mir gedacht: Der Mann muss getreten, geschlagen worden sein. «

Bild 25 und 26: »Die entkleidete Leiche. Wir sehen starke Gewalteinwirkung im Brustbereich. Abnorme Knochenbrüche. Im ersten Moment denkt man, dieser Mensch ist furchtbar misshandelt worden.«

In dreißig Berufsjahren hat Professor Reiter 9000 Leichen seziert. Das härtet ab. Ungerührt blättert er weiter. »Hier die Obduktion. Da wird die Sache klar. Ein Schädelbruch. Die Bauchorgane in den Brustkorb gedrückt. Das dazwischenliegende Zwerchfell wurde durch den Druck zerrissen, Magen und Leber durch das Zwerchfell in den Brustraum gedrückt. Eine massive Kompression des Rumpfes hat stattgefunden. Danach eine ebensolche des Schädels. Das hat zum Ersticken geführt. Ich bin hundertprozentig sicher, dass er nicht misshandelt wurde.«

Auch den Blutalkoholspiegel hat Reiter gemessen. »1,7 Promille hatte er und 2,4 Promille im Harn. Stunden vor dem Tod war er also stärker alkoholisiert als beim Sterben. Er muss sich niedergeschüttet haben«, vermutet der Professor.

Im Normalfall tritt der Hirntod nach etwa fünf Minuten ein. Bewusstlos wird das Opfer nach drei. Doch in diesem Fall, erklärt der Gerichtsmediziner, komme noch eine Herzkompression hinzu: »Wenn die Hydraulik schnell arbeitet, ist die Sache in einer halben Minute vorbei.«


Es gibt Reisen, da machen Kleider Leute. Damals, vor vielen Jahren, schenkte die stolze Schwiegermutter Olga Stojkovic dem Bräutigam ihrer Tochter Silvija ein Hochzeitsgewand, das ihm bei der Trauung in Kladovo eine imposante Statur verlieh. Nun hat Olga ihren Schwiegersohn für seine letzte Reise mit einem neuen Anzug ausgestattet. Zoran D. liegt in einem dunkelgrauen Dreiteiler in seinem Sarg, um den Hals eine Krawatte, die rosa, blau und violett gestreift ist. Er fährt heim.

Zorans Eltern können nicht für die Überführung ihres Sohnes aufkommen, also wurde in seinen Wiener Stammlokalen gesammelt. 2970 Euro sind zusammengekommen, 960 Euro aus dem Galaxie, 660 Euro aus dem Victoria. Auch Zorans Freunde, die sich von ihm im Hof des gerichtsmedizinischen Institutes verabschieden, spendeten. Was schließlich übrig bleibt, wird sein Schwager, der den Leichnam begleitet, den Eltern in Kladovo überreichen.

Einen Tag lang fährt Dragan von Wien aus durch das verschneite Ungarn bis in die serbische Heimatstadt. Zehn Minuten vor dem Leichenwagen trifft er kurz nach Mitternacht ein. Der Sarg wird aus dem Transportfahrzeug geladen. Eine Nacht wenigstens soll Zoran noch in seinem Elternhaus verbringen.

Am nächsten Tag folgen 200 Menschen dem Leichenzug durch die kleine Stadt. Dragan trägt das weiße Kreuz, auf dem in goldenen Buchstaben Zorans Namen geschrieben steht. Der Sarg mit den sechs goldenen Zierschrauben bleibt während des ganzen Trauerrituals verschlossen. Die Eltern bitten zwar, noch einmal ihren Sohn sehen zu können. Zumindest das will ihnen Dragan aber ersparen.

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